Zum pochenden Herzen drängt doch alles

16. April 2004, 19:16
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Eine Traumerzählung von E. A. Poe als sehenswerte Theatergesangsetüde im Wiener Schauspielhaus

Wien - Edgar Allan Poes Erzählung Das verräterische Herz könnte man als falsche, abgründige Beichte auslegen - als die Zerr- und Spukgestalt der Ehrlichkeit. Denn der Mörder eines alten Mannes, der aus dem einzigen Grund sterben musste, weil er einen durchdringenden Blick besaß ("ein Aug' mit trübem Film darüber"), vergräbt die zerstückelte Leiche seines Opfers unter den Bretterdielen des Hauses, in das er widerrechtlich eingedrungen war.

Er lädt die auf den Plan gerufene Polizei sogar noch bereitwillig ein, es sich mit ihm an der Stelle des Verstecks bequem zu machen: Das Gesicht des namenlosen Erzählers (Martin Niedermair) erglänzt wundermild im nachtfinsteren Wiener Schauspielhaus, und gleich wird wieder eine Bach-Kantate erklingen. Oder ein Hugo-Wolf-Kunstlied, weil unser Mörder, der in seinen Ohren das Herz des Ermordeten "klingeln" hört, Trost in der Musik sucht, die Regisseur Barrie Kosky ins Klavier drischt: "Lass, oh Welt, oh lass mich sein . . .".

Und in der Tat: Man kann das alles auch sein lassen - Poes schwarzen Horror, diese Laudanum-Fantasien eines Untröstlichen, der sich in den eigenen Wahn kopfüber hineinstürzt wie ein Feinmechaniker in das schaurig große Räderwerk einer unüberhörbar tickenden Uhr.

Und doch ist kaum jemals etwas so Vertracktes, Bestrickendes über den Irrsinn geschrieben worden wie eben damals, im Philadelphia der 40er-Jahre des 19. Jahrhunderts von Edgar Allan Poe. Unser schlanker, schöner Mörder sitzt bloßfüßig im H&M-Knitteranzug auf einer endlos ansteigenden Hintertreppe (Bühne: Michael Zerz), einer Art Jakobsleiter, die das vergrabene Herz mit dem zugemörtelten Himmel der Erlösung unsichtbar verbindet.

Niedermair bietet eine geschlagene Stunde lang eine staunenswerte Performance. Er schleckt und würgt an dem Text, verkostet die fiebrigen Schauer, die ihn köstlich überlaufen. Knackt mit dem Kiefer und zermahlt Poes kostbar stolpernde Prosa zu befreiendem Staub. Und er singt und juchzt: wie ein tremolierender Engel des Todes, der schließlich verkehrt herum auf der Treppe liegt, die Füße gegen den Himmel gerichtet, unerlöst tickend - und trotzdem uhrfederleicht. Man wird diesen sinistren, etüdenhaften Abend nicht überbewerten wollen, um ihn dennoch zu rühmen: Eine Stunde lang wird dem Wahnsinn getrotzt. Schließlich gibt man jeden Widerstand preis. Und das Herz schlägt weiter, eine unruhige Traumzeit lang. (DER STANDARD, Printausgabe, 17./18.4.2004)

Von
Ronald Pohl
  • Martin Niedermair
    foto: © n. mangafas / schauspielhaus

    Martin Niedermair

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