Polizeiaktion in Rio gefährdet Armenviertel

19. April 2004, 11:57
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Aktionen der brasilianischen Militärpolizei könnten in neuen blutigen Machtkampf umschlagen

Rio de Janeiro – Luciano Barbosa da Silva, genannt „Lulu“, erlitt das gleiche Schicksal wie sein älterer Bruder. Bis Mittwoch war er der König der Rocinha, der größten Favela Brasiliens. Favela heißen die Armenviertel, dieses klebt an den Hängen von Rio de Janeiro. Vor neun Jahren hatte dort „Lulu“ – noch keine 20 Jahre alt – das lukrative Drogengeschäft übernommen, nachdem sein Vorgänger Eduino de Araujo alias „Dudu“ verhaftet worden war.

Ein Dutzend Menschen sterben im Bandenkrieg

Doch im Jänner gelang „Dudu“ die Flucht, und zu Ostern kehrte er mit einem Heer bewaffneter Habenichtse zurück, um die Herrschaft zurückzuerobern. Seither ist die Favela in Aufruhr: Ein Dutzend Menschen starben im Bandenkrieg, und dass die Polizei nun in das Viertel einmarschierte und Barbosa erschoss, hat die Lage noch verschlimmert. „Alle hätten sterben können, nur er nicht“, beklagte einer der rund 60.000 Rocinha- Einwohner „Lulus“ Tod. „Er bezahlte bedürftigen Kindern den Schulbus, teilte Gratisessen aus und half der Gemeinde.“ Und vor allem arrangierte sich der Drogenboss mit den Behörden. So zogen Ruhe und ein gewisser Fortschritt ein, die Rocinha wurde sogar zur Touristenattraktion. Agenturen führten Urlauber für 30 Dollar durch die Rocinha.

Ein Teil der Einnahmen floss nach Absprache mit dem Drogenboss in soziale Projekte. Jetzt sollen bis auf weiteres 1200 Militärpolizisten in der Rocinha für Ruhe sorgen. Schwer bewaffnet schieben sie zu viert oder zu fünft Wache in den engen Gassen. Sie fürchten Racheakte der aufgebrachten Bevölkerung. Die macht einen großen Bogen um die Militärpolizei, die als korrupt gilt und von Menschenrechtsorganisationen regelmäßig kritisiert wird. Der ehemalige Dealer Eduardo erwartet nur eines von der Polizei: dass sie „Dudu“ schnappt und der als extrem gewalttätig geltende Verbrecher nicht der neue Herr der Rocinha wird.

Machtübernahme

Das Viertel liegt „strategisch günstig“ oberhalb der Luxusviertel. Von hier aus versorgen Dealer die Junkies der Oberschicht mit Kokain und Marihuana. Laut Schätzungen der Polizei werden pro Woche umgerechnet knapp drei Millionen Euro im Drogengeschäft in der Rocinha umgesetzt. Das ist viel Geld, und wenn die Polizei in ein paar Tagen abzieht, wird ein neuer Halbstarker das Drogengeschäft übernehmen und tatsächliche oder vermeintliche Gefolgsleute von „Lulu“ umbringen. Das ist ungeschriebenes Gesetz in der Favela.

Schuld an dem ganzen Drama sei die Regierung, klagt der 42-jährige Mauricio. „Hier gibt es keine Schulen, keine Arbeit, so geraten Jugendliche in die Fänge der Kriminellen.“ Doch die Vorschläge der Politiker gehen in eine ganz andere Richtung. Die rechtspopulistische Gouverneurin des Bundessstaates Rio de Janeiro, Rosinha Matheus, rief lauthals nach dem Militär, um die Rocinha zu besetzen. Ein Ansinnen, das die Bundesregierung vorerst abschlägig beschied.

„Kokain-Themenpark“

Ihr Stellvertreter kam auf die Idee, eine Mauer um die Favela zu ziehen, um ein Übergreifen der Gewalt auf benachbarte Wohnviertel zu verhindern. So solle wohl ein „Kokain-Themenpark“ geschaffen werden, lästerte Rios Bürgermeister Cesar Maia, ein Intimfeind von Matheus. So eine Mauer sei ohnehin sinnlos, ergänzte die Forscherin Leonarda Musumeci. Mit den modernen Waffen der Verbrecher, die sie von den korrupten Sicherheitskräften kauften oder auf dem blühenden Schwarzmarkt erhielten, sei selbst eine Betonmauer sofort durchlöchert. (DER STANDARD, Printausgabe, 17./18. 4. 2004)

Von Sandra Weiss aus Montevideo
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