Neue Alben von Chumbawamba und Emilie Simon

21. April 2004, 12:09
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Eine Musikrundschau mit Politik und TripHop

CHUMBAWUMBA Un (Edel) Dass politische Popmusik nicht immer gleich mit dem erhobenen Zeigefinger daherkommen und so "sechsy" wie ein DDR-Plattenbau sein muss, sondern auch Lebensfreude suggerieren kann, ist ja sogar dem Mainstreampublikum spätestens seit Manu Chao bekannt. Die britischen Linksaußen von Chumbawamba (die mit dem Welthit Tubthumping aus 1997!) haben sich nach ihrem letzten Album Richtung Südamerika verabschiedet, um dort neben allerlei Unrecht auch Lebensgefühl und Inspiration zu entdecken. Entladen werden ihre übervollen Batterien nun auf dem Album Un. Zu den bekannt souveränen Melodien gesellen sich stilistische Merkmale aus dem unteren Amerika. Und zwar ohne dass man hier gleich Weltmusikalarm geben müsste. Dafür bereichern Akkordeon und Bläser eine Musik, die einem unter die Haut und ins Tanzbein fährt. Wer entweder erwähntem Manu Chao (minus seine Süßlichkeiten) oder den mexikanischen Ehrenbürgern Calexico etwas abgewinnen kann - das ist eure Platte! Ende Mai ist die Band bei drei Liveterminen in Innsbruck, Wiener Neustadt und Linz zu erleben.

EMILIE SIMON (Universal) Die ersten beiden Stücke kann man überspringen. Die Debütantin Emilie Simon kokettiert darin mit zu Tode gespielten TripHop-Sujets aus dem Hause Portishead. Das hält kein Lid mehr oben. Sobald aber Unheil verkündende Gitarrenriffs ins Spiel kommen, ein strenger Wind Streicher in die Kompositionen weht oder die junge Französin ins Englische wechselt, um dem Stooges-Klassiker I Wanna Be Your Dog eine weitere abartige Facette zu entreißen, hat das titellose Album den Fuß im Hörerherzen. In Folge lässt sich Simon auf Duette mit Männern ein und führt ihren Elektro-Pop in eine Richtung, die bereits Jay Jay Johansen oder Stina Nordenstam beschritten haben. Deren nordische Kühle weicht hier jedoch der lauen Riviera nach Sonnenuntergang. Allerdings nicht Alfred Hitchcock und Pausbacke Doris Day, eher David Lynch und Patricia Arquette. (DER STANDARD, Printausgabe, 16.4.2004)

Von Karl Fluch
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    foto: plattencover
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