Pressestimmen: "Bush hat die pessimistische Sicht Sharons übernommen"

16. April 2004, 17:07
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"Unglückliche Wende"

New York/London/Frankfurt (APA/dpa/AFP) - Die Unterstützung von US-Präsident George W. Bush für die unilateralen Pläne des israelischen Ministerpräsidenten Ariel Sharon (Räumung des Gaza-Streifens und Annexion großer Teile des Westjordanlandes) wird am Donnerstag von einer Reihe von Zeitungen kommentiert:

"The New York Times" (Online-Ausgabe

"Mit einem kostspieligen Schlag gegen die Glaubwürdigkeit der USA als aufrichtigem Makler für einen Frieden im Mittleren Osten billigte Bush die israelischen Pläne. (...) Indem Bush die Bedingungen des israelischen Ministerpräsidenten akzeptierte, ohne dass es Verhandlungen zwischen den Konfliktparteien gab, unterstützt Bush im Wesentlichen das Recht Israels, den Palästinensern eine Besiedlung nach ihrem Willen aufzuzwingen. Bushs drastische und unglückliche Wende in der Politik wurde bekannt gegeben, während ein strahlender Sharon neben ihm im Weißen Haus stand."

"The Independent" (London)

"Ariel Sharon hat Washington dazu gebracht, seine Nahost-Politik entscheidend zu verändern. Er erhielt die Unterstützung von Präsident Bush für seinen Plan. Damit hat Sharon amerikanische Zustimmung dafür gewonnen, dass die fünf größten israelischen Siedlungsblöcke erhalten bleiben. Sogar gemäßigte Palästinenserführer dürften nun argumentieren, dass Bush mit seiner Zustimmung ein wichtiges Element für künftige Verhandlungen vorweggenommen hat."

"Frankfurter Rundschau"

"Kein einziges kritisches Wort an Israels Siedlungsausbau ließ sich Bush beim gemeinsamen Auftritt vor laufenden Kameras im Weißen Haus entlocken. Dabei dürften ihn derzeit mit Blick auf die Lage im Irak andere Nöte als Israels Koalitionsprobleme plagen. Doch seinem Spezi Sharon kam er auf ganzer Linie entgegen. Räumte Vorrang für 'geschaffene Realitäten' ein. (...) So bleibt der Eindruck, dass die USA, die in Nahost Demokratie lehren wollen, über die Köpfe der Betroffenen hinweg entscheiden."

"Stuttgarter Zeitung"

"Radikaler könnte der Kurswechsel in der Nahost-Politik der USA kaum sein. Nach Jahren in einem Teufelskreis von palästinensischen Terroranschlägen und israelischen Vergeltungsaktionen sowie gescheiterter Friedensgesprächen übernimmt Bush nun die pessimistische Sicht Sharons. (...) Bush, der die Palästinenser immer wieder aufgefordert hatte, endlich gegen terroristische Organisationen wie Hamas vorzugehen, schwenkte in fast allen zentralen Fragen auf die Position Israels ein. Beide haben - vor allem zurzeit - politisch viel gemeinsam: Beide stehen angesichts von Wahlen in den USA und Korruptionsvorwürfen in Israel derzeit unter großem innenpolitischen Druck. (...) Sowohl im Irak als auch in Israel und den besetzten Gebieten soll die Macht des Faktischen - und die militärische Dominanz - für politische Ruhe sorgen. Beide Politiker sind wohl zu gewieft, als dass sie glaubten, damit dauerhaft Frieden schaffen zu können." (APA/dpa)

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