Spanien: Einen Monat nach Anschlägen ist die Terrorzelle "neutralisiert"

16. April 2004, 14:49
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Ermittler: Hauptverantwortliche in Haft oder tot

Madrid - Gut einen Monat nach den verheerenden Anschlägen von Madrid sind die Hauptverantwortlichen nach Angaben der Ermittler in Haft oder tot. Die gefährlichste islamistische Terrorzelle in Spanien sei somit "neutralisiert", sagte der spanische Innenminister Angel Acebes am Mittwoch in Madrid. Die Gruppe sei sowohl für die Attentate vom 11. März auf vier Pendlerzüge als auch für den gescheiterten Anschlag auf die Bahnstrecke Madrid-Sevilla verantwortlich gewesen.

Es könne nicht ausgeschlossen werden, dass es in Spanien noch "Schläferzellen" von Terroristen gebe, die bisher nicht in Erscheinung getreten seien. Nach Erkenntnissen der Ermittler wurden die Attentate, bei denen 191 Menschen getötet wurden, wahrscheinlich durch Gelder aus dem Drogenschmuggel finanziert.

"Der Chinese"

Der Verantwortliche für die Beschaffung der Gelder sei vermutlich der Marokkaner Jamal Ahmida gewesen, bekannt als "der Chinese". Er hatte sich zusammen mit dem mutmaßlichen ideologischen Führer und Kopf der Gruppe, dem Tunesier Sarkane Ben Abdelmajid, und fünf weiteren Komplizen selbst in die Luft gesprengt.

Die Madrider Terrorzelle habe relativ eigenständig gehandelt, sagte der Minister. Wahrscheinlich habe sie aber auch Kontakte zu anderen islamistischen Zellen oder Personen im Ausland unterhalten. Die Behörden verfolgten Spuren nach Großbritannien, Deutschland, Belgien, Frankreich, Bulgarien, Tunesien und Marokko. Bislang wurden in Spanien wegen der Anschläge 19 mutmaßliche Terroristen in Untersuchungshaft genommen. Sechs weitere Verdächtige befinden sich unter Polizeiarrest und müssen noch dem Haftrichter vorgeführt werden.

Innenminister: Terrorzelle verkaufte Haschisch und Ecstasy

Die Anschläge von Madrid sind nach Erkenntnissen des spanischen Innenministeriums mit dem Verkauf von Drogen finanziert worden. Die Terroristen hätten den Sprengstoff in der nordspanischen Region Asturien erworben, sagte Innenminister Angel Acebes am Mittwoch auf der Pressekonferenz. Die Verkäufer hätten Haschisch und Ecstasy als Zahlungsmittel akzeptiert.

Mit dem Erlös aus dem Drogenhandel seien auch eine Wohnung angemietet und ein Auto sowie mehrere Mobiltelefone gekauft worden, sagte Acebes. Die Handys wurden als Zünder verwendet. Bei der Explosion von zehn Bomben in vier Pendlerzügen in Madrid waren 191 Menschen getötet und etwa 1.800 weitere verletzt worden.

Ein im Zusammenhang mit den Anschlägen gesuchter Bosnier will sich den spanischen Behörden stellen. Der 23-Jährige, der sich in Schweden aufhält, werde am Freitag nach Madrid reisen, berichtete die Zeitung "Dnevni Avaz" am Mittwoch. Er nahm der Zeitung zufolge bereits Kontakt zur Polizei auf und wies jede Beteiligung an den Anschlägen zurück. Das spanische Innenministerium hatte Anfang April die Namen dreier Verdächtiger veröffentlicht, darunter den des Bosniers. Interpol in Bosnien sei von der spanischen Polizei um Ermittlungen zu dem Verdächtigen gebeten worden, sagte ein Sprecher. (APA/dpa)

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