Den Krieg sezieren

15. April 2004, 15:45
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Slavenka Drakulic: Keiner war dabei. Kriegsverbrechen auf dem Balkan vor Gericht Zsolnay, Wien 2004 200 Seiten, 18,40 €

Hitler war der erste Adolf, ich bin der zweite." So hat sich Goran Jelisic, der heute hinter der Glasscheibe des UN-Tribunals recht sympathisch wirkende Hobbyangler, einst den Häftlingen im bosnisch-serbischen Gefangenenlager Luka vorgestellt. Bevor er sie kaltblütig erschoss, berichtet Slavenka Drakulic.

Geschichten wie diese hörte die kroatische Schriftstellerin monatelang im Kriegsverbrechertribunal von Den Haag, das Recht über die Mörder des Balkankrieges spricht. Viele von ihnen werden in ihrer Heimat immer noch als Helden geehrt. Drakulic schreibt in ihrem Buch gegen das Schweigen in Kroatien, Serbien und Bosnien-Herzegowina, das eine ehrliche Vergangenheitsbewältigung verhindert. Zu viele haben dort, wenn auch nur in kleinstem Rahmen, vom Krieg profitiert.

Die Autorin begab sich nun in penibler Kleinarbeit auf die Suche nach den Ursachen dieses Krieges, die sich in der Geschichte Ex-Jugoslawiens, in der individuellen Persönlichkeit der Täter und zum Dritten wohl auch in dem abnormalen System jedes Krieges finden lassen.

Vom einfachen Soldaten als Vollstrecker über den kommandierenden General Ratko Mladic, bis hin zum Bürokraten Slobodan Milosevic und seiner ehrgeizigen Frau Mira Markovic seziert die Autorin die Einzelschicksale der Täter. Die Mechanismen des jugoslawischen Kollektivdilemmas werden greifbar.

Als unmittelbar Betroffene verzichtet Drakulic zugunsten einer einfühlsamen Darstellung auf plakative Schuldzuweisungen. Den Krieg ermöglicht hätten sie alle. So formuliert die Autorin ihr zutiefst beklemmendes Resümee gerade als Frage an jene, die nicht vor Gericht stehen: Und was hättest du getan? (Veronika Jantsch/DER STANDARD, Printausgabe, 14.4.2004)

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