Pressestimmen: "Der Irak-Krieg hat Afghanistan erreicht"

16. April 2004, 15:50
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Deutsche Medien zur Verschlechterung der Lage in Afghanistan

Berlin/Frankfurt - Die negativen Auswirkungen der gegenwärtigen Irak-Aufstände auf die Lage in Afghanistan beschäftigt am Dienstag deutsche Blätter:

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Der Tagesspiegel, Berlin

"Der Krieg im Irak hat Afghanistan erreicht. Der Aufstand radikaler Schiiten sei 'ein gutes Vorzeichen' dafür, dass die Bevölkerung der fremden Besatzung ein Ende setzen werde, heißt es in einer Erklärung, die vermutlich von Gulbuddin Hekmatyar stammt. Der Kriegsherr und Ex-Premier, der die Hauptstadt Kabul im Bürgerkrieg in Schutt und Asche legte, führt heute selbst einen 'heiligen Krieg' gegen die USA. (...) Die jüngsten Kämpfe im Norden Afghanistans flauten nur vorübergehend ab. Dort versucht Usbeken-General Rashid Dostum offenbar sein einst unabhängiges Reich wieder zu beleben, zu dem in den neunziger Jahren sieben Provinzen gehörten. In Dostums Einflussbereich und in der Westprovinz Herat, wo sich Gouverneur Ismail Khan Ende März ebenfalls Schlachten mit den Einheiten des von Kabul ernannten Militärkommandanten lieferte, ist inzwischen gut ein Drittel der Soldaten der neuen afghanischen Armee gebunden."

Frankfurter Allgemeine Zeitung

"Während sich die Kämpfe zwischen verschiedenen Fraktionen afghanischer Warlords fortsetzten, soll der islamistische Extremist Gulbuddin Hekmatyar mit Bezug auf den Widerstand im Irak zum Aufstand gegen die internationalen Truppen aufgerufen haben. (...) Truppen, die unter Befehl des usbekischen Warlords Rashid Dostum stehen, haben sich im Norden eine Schlacht mit Anhängern des Kriegsherrn Mohammad Atta geliefert. Die Auseinandersetzungen etwa 300 Kilometer nördlich von Kabul sollen im Zusammenhang mit dem Kampf beider Rivalen um die Provinzhauptstadt Mazar-i-Sharif stehen. Beide streiten aber auch über Einkünfte aus dem Drogenanbau."

Handelsblatt, Düsseldorf

"Der wachsende Widerstand im Irak dient dem afghanischen Rebellenführer und früheren Ministerpräsidenten Gulbuddin Hekmatyar als Vorbild: Er rief zum Aufstand gegen die von den USA geführten Truppen auf. Die Afghanen müssten versuchen, noch 'vor den Irakern die Souveränität' zurück zu erlangen, die Lage in Afghanistan zeige, dass die Zeit für einen Volksaufstand bald gekommen sei. Die Taliban sprechen von einem 'Heiligen Krieg' gegen die Ausländer im Land. Die Unruhen im Norden Afghanistans weiteten sich derweil aus..."

Financial Times Deutschland

"Der Machtkampf zwischen der Regierung in Kabul und lokalen Warlords ist zum zentralen Konflikt in Afghanistan geworden. Doch reicht der Konflikt bis in die Regierung (von Präsident Hamid) Karzai hinein. Dostum, der offiziell als Karzais Sicherheitsberater in die Regierung eingebunden ist, soll seinen Vorstoß unternommen haben, nachdem der Armeekommandeur Hashim Habibi sich mit Verteidigungsminister Mohammad Fahim verbündet hatte. Der tadschikische Fahim gilt wiederum als Rivale Dostums. Die afghanische Regierung hatte es auf der jüngsten Konferenz über die Zukunft des Landes in Berlin als ihre Aufgabe anerkannt, für die Durchsetzung der Zentralmacht im ganzen Land selbst verantwortlich zu sein. Doch berühren die regionalen Unruhen auch die Pläne zur Errichtung von Wiederaufbauteams (PRT), mit denen die von der NATO geführte internationale Schutztruppe ISAF ihren Radius aus der Hauptstadt Kabul über das Land ausdehnen will. (APA/dpa/AFP)

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