Mehr Konturen, bitte!

12. April 2004, 18:30
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Die Kandidaten für die Hofburg könnten sich profilieren - aber sie trauen sich nicht - von Conrad Seidl

Es ist der bisher beste Gag dieses Wahlkampfs: Die Künstler der Volxtheaterkarawane haben sich unerkannt am Wettbewerb beteiligt, bei dem Wahlkampfslogans für die ÖVP-Kandidatin Benita Ferrero-Waldner gesucht wurden. Und haben prompt die Einladung bekommen, mit der Frau Außenministerin zum Heurigen zu gehen - auch wenn die globalisierungskritischen Künstler seit ihrer Festnahme in Genua 2001 alles andere als gut auf die Ministerin zu sprechen sind; und umgekehrt.

Der mit diesem Practical Joke erbrachte Beweis: Dieser Präsidentschaftswahlkampf ist so überschaubar, dass selbst entschiedene Gegner des jeweiligen Kandidaten ohne besonderen Aufwand abschätzen können, was in dessen Lager wohl gut ankommen würde.

Alles, alles ist erwartbar: dass Heinz Fischer Gewissen, Fairness und Ehrlichkeit plakatieren lässt ebenso wie dass Ferrero-Waldner Herz und Verstand sowie löwenhaftes Kämpfen für Österreich auf ihren Plakaten stehen hat.

Oder war das umgekehrt? Dass Politik Gewissen brauche, hat das Ferrero-Team ja innerhalb von Stunden in Inseraten für die eigene Kandidatin in Anspruch genommen - Fairness hin, Fairness her. Und der stets besonnen und nachdenklich wirkende Heinz Fischer lässt keine Gelegenheit aus, Herzlichkeit zu demonstrieren - dass er Verstand hat, zweifelt ja ohnehin keiner an.

Offenbar gebietet es der politische Verstand, in diesem Wahlkampf möglichst ohne inhaltliche Positionierung auszukommen. Das könnte ja womöglich den einen oder anderen Wähler verschrecken, die eine oder andere Wählerin verwirren. Ein Bundespräsident soll doch "Präsident für alle Österreicher" sein.

Und dafür gibt es ein Rezept, das diesmal noch orthodoxer angewendet wird als in jenen Wahlkämpfen, in denen Figuren wie die Liberale Heide Schmidt, die Grüne Freda Meissner-Blau oder der Rechtsaußen Norbert Burger mitgemischt haben: Die Österreicher sollen ein bisserl einen "Ersatzkaiser" bekommen, eventuell auch eine "Ersatzkaiserin" - aber jedenfalls gütig und würdevoll, die Balance zwischen Volkstümlichkeit und Repräsentationspflicht erspürend. Und vor allem ausgleichend zwischen allen denkbaren Extremen.

Das jedenfalls ist die Sorte Bundespräsident, wie er den Großparteien, die diesmal ein Monopol für das Vorschlagsrecht haben, gefallen muss: Das Staatsoberhaupt als politisches Neutrum. Und die Kandidaten spielen ihre Rollen in diesem Sinne ausgezeichnet: Die bisherigen Aussagen, was sie anders als die Amtsvorgänger machen würden, erschöpfen sich in Nebensächlichkeiten wie der der Wohnadresse.

Es ist ja nett, dass Heinz Fischer und Benita Ferrero-Waldner bei jeder Gelegenheit betonen, auch nach ihrer allfälligen Wahl mit Bürgern und Experten, mit so genannten Betroffenen und natürlich mit Künstlern sprechen zu wollen. Aber worüber? Und zu welchem (in der Verfassung nicht vorgesehenen) Zweck?

Dabei zeigen Umfragen, dass diese Oberflächlichkeit von den Bürgern längst durchschaut ist: Man weiß ohnehin, dass beide Kandidaten nicht zum Extremismus neigen, dass beide einen (wenn auch unterschiedlich starken) parteipolitischen Hintergrund haben und dass sie trotzdem die für das Amt nötige moralische Autorität mitbringen.

Bedeutsamer ist: Die Bürger haben auch durchschaut, dass zwischen den Kandidaten größere Unterschiede bestehen, als sich dies die Wahlkampfstrategen und die Kandidaten selbst zuzugeben trauen: Heinz Fischer steht eben viel mehr für ein zurückhaltendes, bewahrendes Amtsverständnis als Benita Ferrero-Waldner. Er ist der konservativere Kandidat, eine Anknüpfung an die Kreisky-Jahre, die vielen als "gute alte Zeit" gelten. Ferrero-Waldner steht für die manchen eher suspekte Moderne, für Internationalität und Europa.

Die Profile dürften im Wesentlichen dem Selbstverständnis der Kandidaten entsprechen. Es wäre eine Frage der Ehrlichkeit, sie zu schärfen, anstatt zu verwischen. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 13.4.2004)

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