DDR-Komet mit dem Schuss West-Oma

17. April 2004, 14:58
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Einar Schleefs Tagebücher künden von einem monomanischen Genie

Für den kindlichen Theatermonomanen Einar Schleef (1944-2001) muss die Wiederverwendung des überholt geglaubten Geniebegriffs ernstlich in Betracht gezogen werden. Alles an diesem kompromisslosen Mann, der jung und vereinsamt an Herzschwäche starb, drängte ins Unerhörte, Zeitentrückte - in die Überwältigung durch maßlos angezapfte Kraft.

Inszenierte Schleef auf dem Theater unter oft wütender Anteilnahme seiner Gegner, dann setzte er nicht etwa einen Text einfach in Szene, sondern er kratzte und schürfte antike Archetypen aus dem Geröll der Literatur hervor. Ohne die Androhung einer Revolution war von ihm nichts zu haben. Er erfand zu einer Zeit, als sich die Bühnenkünste strikt individualistisch und vorsorglich aufgeklärt gaben, einen vielfüßigen Wiedergänger des antiken Chors. Er jagte entblößte Statisten an die Rampe und brach auch sonst mit allen denkbaren Gewohnheiten. Gab den Drillmeister aus dem thüringischen Sangerhausen, der im Privatgespräch stotterte, als Bühnenmeister im Smoking aber stundenlang Nietzsches Ecce homo rezitieren konnte, ohne eine einzige Silbe zu verschütten.
Vor allem aber ankert Schleefs privatobsessive Kunstanstrengung in einer schlackenschwarzen Vorwelt, die er das "Reich der Mütter" nannte. Der erste Monumentalband aus einer ganzen Reihe von Tagebuchaufzeichnungen, die von Suhrkamp posthum veröffentlicht werden, belegt Schleefs ungewöhnliche, nicht unbedingt wörtlich zu nehmende Mutterbindung: gemeint ist eine Verwurzelung, die aus dem Kleine-Leute-Mief im hintersten Eck einer windschief zusammengebastelten DDR den Auftrag zu höchsten Kunstweihen ableitet.

Schon die früh einsetzenden Aufzeichnungen des Kindes sprechen jeder Wahrscheinlichkeit Hohn: Der ungelenke, sich als tollpatschig empfindende Sohn unmusischer Kleinbürger registriert an sich jede Regung - und dient sich, als zäher Autodidakt der Malerei, als Impresario eines Kasperletheaters aus Leim und Pappe, hoch in den Olymp der "Originalgenies".

Man mag an den Pastorensohn Nietzsche denken, an Wagner - oder an den Augsburger Gassenbuben Brecht. Schleefs Tagebücher sind als Lektüre eine gelinde Zumutung: gehetzte und nachträglich überarbeitete Notate in fließenden Sätzen, die gleichwohl kolloquial klingen - der "Hochsprache" der Privilegierten wie unter Schmerzen abgerungen.

Wer den zweibändigen Gertrud-Roman kennt, Schleefs hämmerndes Stakkato aus den Bewusstseinsuntiefen einer thüringischen Nebenerwerbsschneiderin (seiner Mutter), der weiß die Tonlage zu schätzen: Man fühlt sich vom Geröll der Redundanz überschüttet. Man bewundert aber auch die Manier, eigenen Entwicklungsschritten Zwischentöne abzulauschen: dem Wähnen des sensiblen Buben, der an sich selbst homophile Anwandlungen wahrnimmt. Der zwischen Nordhausen und Frankenhausen hin- und herhetzt, adoleszente Naturbetrachtungen anstellt und den Abraumhalden der Tagbaugebiete Reize abgewinnt.
Nur in sehr beschränktem Ausmaß taugen die Tagebücher indes zur sozialgeschichtlichen Betrachtung einer als desaströs erfahrenen Lebenswelt. Gewiss sickern die Episoden des Aufstands '53, des Mauerbaus in die Betrachtungen ein. Immer wieder neu überschreibt Schleef seine Aufzeichnungen, erst auf der Schreibmaschine, später, am Abend seines Lebens, im Computer. Zwar beklagt der Autor unablässig die Unzuverlässigkeit seines Erinnerungsvermögens. Doch scheint ihm nur wenig an einer Faktentreue zu liegen, die nicht das eigene Wahrnehmen zur Richtschnur nimmt.

Das Buch, welches Schleef als eines seiner Hauptwerke betrachtete, schwillt und dröhnt wie ein reißender Fluss: Das Schleef-Ich - "der Stotterer in wiederholt gewendeten Klamotten meines Vaters mit einem Hauch West-Oma geschönt" - verfolgt unbeirrbar seinen Weg. Am vorläufigen Schluss steht die Übersiedelung nach Ostberlin, an die Kunsthochschule Weißensee: ein Komet auf üppig gezackter Bahn. (ALBUM, DER STANDARD, Printausgabe, 10./11./12.4.2004)

Von
Ronald Pohl
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    Einar Schleef:
    Tagebuch 1953-1963
    Sangerhausen,
    € 30,-/416 Seiten, Suhrkamp, Frankfurt/Main 2004.

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