So war es wirklich

10. April 2004, 15:00
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Der Altmeister John Updike blickt in seinem neuen Erzählband zurück auf sein Werk

Schon seit einiger Zeit gibt es im Werk John Updikes einen nostalgischen Ton. Abschiednehmen und Rückschau, das Zu-Ende-Führen des allzu Provisorischen sind sowohl wiederkehrende Themen seiner Bücher geworden als auch, so scheint es, zunehmend Updikes eigenes Anliegen.

Erst vor wenigen Monaten hat eine von ihm selbst besorgte Zusammenstellung früher Erzählungen eine Umordnung des amerikanischen Kanons eingeleitet, in dem er schon sehr bald - das lässt sich angesichts der Reaktionen voraussagen - gleichwertig neben Carver, Salinger und Cheever stehen wird; und auch sein letzter, noch nicht ins Deutsche übersetzter Roman Seek My Face erzählt den Rückblick einer alten Malerin auf die Wechselfälle ihrer langen, erfolgreichen und nun vor dem Ende stehenden Künstlerexistenz.

Ein Werk der spielerischen Rückschau war auch der 2000 erschienene Erzählband Licks of Love, in welchem Updike mit jeder Geschichte zu einem Hauptschauplatz oder zentralen Charakter seines kaum mehr überschaubaren Gesamtwerks zurückkehrte: der Ehebruch in den Vorstädten, der fiktive Schriftsteller Henry Bech, das Farmhaus vor der Stadt Olinger, die Familie des toten Harry Rabbit Angstrom. Dieses schöne Kompositionsprinzip unterlief der Rowohlt-Verlag durch die Entscheidung, die Novelle Rabbit Remembered auszukoppeln und unter dem Titel Rabbit. Eine Rückkehr quasi als fünften Roman der Rabbit-Serie zu veröffentlichen. Nun also liegt, unter dem Titel Wie war's wirklich der Rest der Erzählungen auf Deutsch vor.

Es ist - man braucht es kaum noch zu betonen - eine meisterliche Sammlung des vielleicht besten Shortstory-Autors der Gegenwart. Trotzdem würde man Lesern, welche keine oder nur eine oberflächliche Kenntnis seines uvres (dieser leicht hochtrabende Ausdruck erscheint nicht zufällig an prominenter Stelle in Wie war's wirklich) haben, eher zu anderen seiner Bücher raten: Dieses ist, wie etwa auch Kurt Vonneguts letzter Roman Zeitbeben, vor allem für Kenner gedacht und so voll souveräner Selbstverweise, wie es sich eben nur Autoren erlauben können, bei welchen höchster literarischer Rang mit großem Publikumserfolg zusammenfällt.

Das selbstironische Zentralstück ist dabei wohl die Erzählung "Sein Oeuvre", in welcher noch ein (und zum letzten?) Mal Henry Bech auftritt, chronisch schreibblockierter Autor und Held von inzwischen drei Erzähl- bänden Updikes, in deren letztem er sogar den Nobelpreis davontragen durfte. Vordergründig scheint die Geschichte eine locker arrangierte Erinnerung an Bechs Liebesaffären zu Zeiten seiner lang zurückliegenden Erfolge, bei genauerem Hinschauen aber geht es um Ernsteres.

Bech, viel geehrter Dichter von Weltruhm, stellt nach einer Lesung fest, dass ihm seine Arbeiten nicht mehr gefallen. "Der Anblick seiner Bücher, der sieben schmalen überlebten Titel, die flott in Kartons verstaut wurden, erfüllte Bech mit Ekel. Einerlei, wie viele er verkaufte und signierte, immer blieben ganze Stapel übrig, Makulatur zentnerweise; [...] kunstfertige, verzwirbelte, eitle Bücher, bar all dessen, was wirklich zählte."

In der Fähigkeit, solch erbarmungslose Passagen zu schreiben, und das noch innerhalb eines hochartifiziell gebrochenen Rückblicks aufs eigene Werk, liegt sehr viel von Updikes Größe. Nicht zuletzt sie wird ihn davor bewahren, eine ähnliche Entdeckung zu machen wie der arme Henry. (ALBUM, DER STANDARD, Printausgabe, 10./11./12.4.2004)

Von
Daniel Kehlmann
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    John Updike:
    "Wie war's wirklich"
    Erzählungen, Deutsch von Maria Carlsson, € 20,50/256 Seiten, Rowohlt, Reinbek 2004.

    John Updike:
    "Seek my face"
    € 12,-/226 Seiten, Penguin Books, New York 2003.

    John Updike:
    "Rabbit, eine Rückkehr"
    Deutsch von Maria Carlsson, € 9,30/256 Seiten, Rowohlt
    Taschenbuch, Reinbek 2004

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