Notwendige Drohungen

8. April 2004, 18:46
1 Posting

Annan mahnte, dass im Sudan bald militärisches Eingreifen nötig sein könnte und schon lenkte das Land ein - Von Gerhard Plott

Nie wieder, so wurde bei den Gedenkfeiern zum zehnten Jahrestag des Genozids in Ruanda versichert, nie wieder werde die zivilisierte Welt einen solchen Völkermord zulassen. UN-Generalsekretär Kofi Annan, den wegen Ruanda noch ein gewaltiges schlechtes Gewissen plagen muss, lenkte sogleich das internationale Augenmerk auf die Darfur-Region im Sudan, wo sich Hunderttausende Menschen auf der Flucht befinden. Dort könnte bald militärisches Eingreifen nötig sein, sagte Annan und erhielt dafür sogar Applaus aus den USA. Kaum war die Drohung ausgesprochen, lenkte der Sudan auch schon ein und unterzeichnete eine "humanitäre Waffenruhe" mit Rebellen in der Darfur-Region. Manchmal hilft das Drohen.

Die Auseinandersetzungen in der Darfur-Region begannen aus den gleichen Gründen, die schon Auslöser für den Bürgerkrieg im Südsudan vor zwei Jahrzehnten waren: Es ist der bewaffnete Widerstand gegen die Menschenrechtsverletzungen durch die islamistische Regierung in Khartum, gegen die wirtschaftliche Marginalisierung und gegen die gewaltsame Arabisierung der schwarzen Volksgruppen. Die Regierung versorgt Milizen der arabischen Stämme mit Waffen und überlässt ihnen die Aufgabe, gezielt Jagd auf die Schwarzen in der Darfur-Region zu machen. Damit das auch wirklich klappt, wirft die sudanesische Luftwaffe zusätzlich Bomben auf schwarze Dörfer.

Nun befinden sich Hunderttausende auf der Flucht, ihre Dörfer wurden gebrandschatzt. Brunnen und Wasserpumpen, die für die schwarzen Ackerbauern lebenswichtig sind, wurden zerstört. Ein humanitäres Desaster ist damit auf jeden Fall programmiert: Bereits im vergangenen Jahr konnte die Ernte wegen des Bürgerkriegs nicht eingebracht werden, heuer war sogar schon die Aussaat unmöglich. Wie die Vertriebenen die nächsten Monate überleben sollen, ist völlig unklar, selbst wenn die "humanitäre Waffenruhe" halten sollte. (DER STANDARD, Printausgabe, 9.4.2004)

Share if you care.