Jobsuche für Dummies

22. März 2005, 15:06
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Wie sie am besten scheitern - und sich dabei trotzdem wohler fühlen - Fünf Regeln für Stellenbewerber, mit denen sie garantiert keine Anstellung finden - Ein Kommentar der anderen von Heinz Dieter Stauss

Das Credo der westlichen Industriegesellschaften lautet: "Hol aus deinem Leben heraus, was du kannst!" Wer einen Job hat, erfüllt diesen Glaubensgrundsatz. Wer keinen hat, gehört nicht zu den Überholern.

Einmal ehrlich: Haben Sie nicht stets auf Ihre Lehrer gehört? Waren Sie von den Vortragenden auf den Selbstfindungsseminaren, die Sie so eifrig besuchten, nicht begeistert? - Und dann wundern Sie sich, warum Sie keinen Job finden, warum Sie nicht zu den Machern gehören, die aus einer Garagenfirma einen Weltkonzern hochgezogen haben, ohne je ein einziges Buch gelesen zu haben?

Eine der schlechtesten Voraussetzungen, die Sie für die Arbeitssuche mitbringen können, ist diejenige, überhaupt eine Stelle zu brauchen. Sie bekommen keinen Job, weil Sie keinen haben.

Haben Sie nämlich keinen Traumjob bei einer erfolgreichen Firma mit Entwicklungspotenzial und kreativem Betriebsklima, stehen Ihre Chancen auf eine Anstellung bereits ziemlich schlecht. Denn: Nur glückliche und erfolgreiche Menschen sind schön und interessant.

Nur wenn Sie beruflich (und privat) erfüllt sind, sind Sie attraktiv für andere Arbeitgeber (und andere Geschlechtspartner). Nur wenn Sie Coolness ausstrahlen, will Sie jeder haben.

Es gibt also, sollten Sie keinen Traumjob haben, zwei Möglichkeiten. Erstens: Sie arbeiten in einer weniger tollen Firma, mit der persönlichen Entwicklung sieht es schlecht aus.

Zweitens: Sie arbeiten nicht oder investieren Ihre Hoffnungen in zweifelhafte Ausbildungen, damit Sie davon abgelenkt sind, dass es Ihnen im Grunde ziemlich dreckig geht. In beiden Fällen wirken Sie nicht sehr attraktiv auf den Arbeitgeber in spe.

Je weniger Sie verzweifelt versuchen, einem Job nachzulaufen, den Sie ja doch nicht bekommen können, desto eher stellt sich Ihr psychisches Wohlbefinden wieder ein. Hören Sie auf, gegen Windmühlen anzukämpfen.

Und glauben Sie nicht daran, dass sich die Situation am Arbeitsmarkt eines Tages bessern könnte: In wenigen Jahrzehnten werden sämtliche Produkte des täglichen Lebens in den Sweatshops der Billiglohnländer hergestellt werden, und in den alten Industriegesellschaften wird man den Leuten Geld dafür geben, dass sie nicht arbeiten gehen. Motto: Die Arbeitsleistung, die für den "Markt" von größtem Interesse ist, ist jene, die eingespart werden kann.

Befreien Sie sich also vom Zwang, eine unlösbare Aufgabe bewältigen zu müssen, und gestalten Sie Ihre Bewerbung so, dass Ihr Selbstbewusstsein nicht noch weiter vergewaltigt wird.

Hier sind fünf Tipps, die Ihnen zwar keinen Job verschaffen, Ihnen aber ein Stück Kontrolle zurückgeben: Nun wissen Sie wenigstens, warum es nicht klappt.

  1. Bewerbungsschreiben: Vergessen Sie Parolen wie: "Man sollte immer mindestens zehn Bewerbungen laufen haben." In Zukunft soll gelten, dass Sie die Anzahl anhängiger Bewerbungen danach richten, wie viele Absagen Sie innerhalb eines bestimmten Zeitraums ertragen können.

  2. Lebenslauf: Keine Angst vor unrichtigen Angaben! Schließlich sind die meisten Bedingungen, auf die Sie sich als Bewerber einlassen, eine Farce: "Wir wenden uns an Hochschulabsolventinnen im Alter von ca. 25 Jahren mit überdurchschnittlichem Studienergebnis, drei Jahren Auslandspraxis, vertieften Kenntnissen in mindestens drei Fremdsprachen und Erfahrung im gehobenen Management."

    Sollten Sie zu den 0,001 Promille der Stellensucher mit diesen Qualifikationen zählen, wird Ihnen das Abwimmeln der Headhunter ohnehin ausreichend Spaß bereiten. Den anderen Jobaspiranten kann nur ein kreativer Umgang mit ihrem Qualifikationsprofil empfohlen werden.

    Anmerkung für tatsächlich Arbeitswillige: Ersetzen Sie die Formulierung "Curriculum Vitae" durch den ordinären "Lebenslauf". Es könnte Ihnen nämlich passieren, dass Ihr hoch entwickeltes CV auf dem Schreibtisch eines Vorgesetzten mit einem weniger hoch entwickelten Wissen in Bezug auf die lateinische Sprache landet und Sie aufgrund dieses gefährlich anmutenden Begriffs sofort als Besserwisser angesehen werden. Und flugs im Papierkorb landen. Welcher Chef möchte schon Mitarbeiter, die gescheiter sind als er selbst?

  3. Persönliche Daten: Die Altersangabe sollte dem gewünschten Job angepasst werden. So wenden sich Stellenanzeigen von Werbeagenturen grundsätzlich nur an Kandidaten zwischen 17 und 21 Jahren.

    Nur in dieser Altersgruppe können Sie sich als echter "Trendscout" betätigen. Ebenso empfehlenswert ist es, sich als hochmotivierten Twen darzustellen, wenn es um eine Position in der Consultingbranche geht.

    Es macht einfach viel mehr Spaß, als selbstverliebter Mittzwanziger einem verunsicherten Abteilungsleiter in den Hintern zu treten, der sein sauer verdientes Geld aus Angst um den Arbeitsplatz in eine teure Beratung steckt. Sobald Sie über 30 sind, sind Sie für diesen Job nicht mehr geeignet - Sie könnten Mitleid mit Ihren Klienten haben.

    Weiters sollten Sie berücksichtigen, dass es für Berufe im Verkauf von Vorteil ist, wenn Sie mit einer Familie gesegnet sind, also die Rückzahlungen für Reihenhaus, Kombi und Kinderzimmer am Hals haben. Nur so sind Sie ausreichend motiviert, um mit dem Killerinstinkt des erfolgreichen Verkäufers Ihre Umsatzvorgaben zu bewältigen.

  4. Geschlecht: Frauen sind die besseren Manager. Versuchen Sie als Mann erst gar nicht, sich an den weiblichen Soft Skills der charmanten und dabei trotzdem hartnäckigen Verhandlungstaktik abzumühen - lernen Sie lieber Ihren Posten im mittleren Management mit Zähnen und Klauen gegen die Rationalisierung zu verteidigen. Oder finden Sie sich damit ab, die Kinder aufzuziehen, während Ihre Frau von Vorstandssitzung zu Pressekonferenz jettet.

  5. Ausbildung: Die beste Ausbildung ist - gar keine. Dann haben Sie wenigstens keine falsche. Haben Sie eine Ausbildung, haben Sie nämlich immer die falsche. Haben Sie zu viel Ausbildung, sind Sie gefährlich: Sie könnten Ihren Chef aushebeln.

    Oder Sie könnten eines Tages einen besseren Job annehmen und sich damit in den Augen Ihres jetzigen Vorgesetzten für den Rest Ihres Lebens vor Gott und den himmlischen Heerscharen versündigen.

    Tipp: Sparen Sie sich sämtliche Angaben zum zweiten Bildungsweg. Sie werden dafür belächelt werden, wie Sie mit Rhetorikseminaren auf der Volkshochschule verzweifelt versucht haben, Ihre vermurkste Karriere zu retten.

    Wenn Sie glauben, gegen Hardcore-MBAs, denen mit 25 Jahren schon in mehreren Konzernmanagements fad wurde, mit einem nebenberuflichen Studium in Völkerkunde punkten zu können, können Sie sich gleich für unmündig erklären lassen.

Wir lernen also, dass es keinen Sinn macht, selbst Wein zu predigen, wenn man nur Wasser zu trinken bekommt. Ändern Sie lieber Ihre Einstellung, anstatt zu versuchen, sich selbst zu ändern. Arbeitslose aller Länder, vereinigt euch! (DER STANDARD Printausgabe, 08.04.2004)

Heinz Dieter Stauss, geboren 1972, Ausbildung als Fotograf, Studium der Kommunikations-
wissenschaft an der Uni Wien, seit zwei Jahren immer mehr ernüchterter Arbeitssuchender
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    foto: standard
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