Ein Großhirn im weiten Land

15. April 2004, 19:34
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Lyle Lovett, bekannt als verschrobener Exmann von Julia Roberts, veröffentlicht mit "My Baby Don't Tolerate" ein Country-Juwel

Lyle Lovett, hagerer Texaner mit deutschen Vorfahren, verschrobener Mime und Exmann von Julia Roberts, veröffentlicht mit seinem neunten Studioalbum "My Baby Don't Tolerate" ein Juwel intelligenter Country-(Rock)-Musik.


Lyle Lovett, oder: Wie man es sich am liebsten zwischen den Stühlen gemütlich macht. So könnte man den musikalischen Werdegang des Mannes mit dem exzentrisch klingenden Namen in Kurzform bringen. Immerhin bewegt sich Lovett im erweiterten Einzugsgebiet von Country, und in diesem Genre sind Irrtümer bekanntlich ebenso großzügig gestreut wie gebrochene Herzen, zu große Hüte und die darunter beheimateten, nicht selten krass unterdimensionierten Gehirne: "Howdy, George W.!" Nur so als Fingerzeig.

Apropos: Geboren wurde Lovett in jenem US-amerikanischen Bundesstaat, der bezüglich seiner eigenen, eher nicht so weit zurückreichenden Tradition auch nicht gerade für besondere Toleranz bekannt ist. In Texas. In einem Kaff namens Klein, benannt nach Lovetts Großvater, der die Aussicht aus einem bayrischen Biergarten irgendwann im vorletzten Jahrhundert zugunsten des weiten Landes hinter sich ließ. Musikalisch auffällig wurde der hagere Sänger in den 80ern. Ausgerechnet! Ein Jahrzehnt, das das Genre Country an den Rand der Schlagerbelanglosigkeit und darüber hinaus führte und in dem Nashville endgültig zum Synonym für eine herzlos gewordene Musicbox wurde. Für eine Maschinerie, die Geld schluckt und Müll von sich gibt.

Für den amerikanischen Markt war Lovetts Musik dann auch viel zu "schwierig". Konnte er als studierter Mensch (Journalismus und - damit das Erbteil nicht vergeht - Deutsch) doch Sätze bilden, die länger als eine Whiskeybestellung waren und gehaltvoller als der Brunftschrei eines Kuhbuben beim Rodeo. Zudem erschien seine Musik zart eklektisch, was der dogmatischen Klientel ebenfalls nicht behagte. In Europa verstand man Lovetts stilistisch oft erweiterten Country, der ansonsten in der Tradition großer Texaner wie Townes van Zandt und Guy Clark stand, schon eher.

Das zeigte der Erfolg seines titellosen Debüts von 1986 in der Alten Welt ebenso wie ein paar Jahre später der Umstand, dass Lovett mit den ausladend arrangierten Songs seiner Large Band (Saxofon-Alarm!!!) hier ebenfalls reüssieren konnte. Zerstört hat er diese - zweifelhafte - Reputation Anfang der 90er-Jahre, als er ausgerechnet im Vorprogramm der gebügelten Jeansband Dire Straits tourte. Damit machte Lovett sich ebenso unbeliebt wie später durch den Umstand, dass er eine Schauspielerin namens Julia Roberts ehelichte und sich damit den Unwillen und /oder Neid des halben männlichen Planeten zuzog - minus der Taliban vielleicht.

In den mittleren 90ern war er dann auch gleich oft im Studio wie auf der Leinwand zu sehen, wo er in Robert Altmanns Filmen Short Cuts und Cookie's Fortune ebenso auftrat wie in Don Roos zynischer Komödie The Opposite of Sex. Damit wir aber endlich zum Grund dieser länglichen Vorstellung kommen: Anfang dieses Jahres wurde Lovetts neuntes Studioalbum auch in Europa veröffentlicht.

My Baby Don't Tolerate heißt dieses, und darauf ist der mittlerweile Ex von Roberts in Weltform. Meist auf energetisch-aufgeregter Boogie-Basis, zu der eine emphatisch gegeigte Fidel Euphorie verströmt, arbeitet sich der "Long Tall Texan" durch seine Songs. Dabei integriert er zähere, dem Blues-Schema verpflichtete Midtempo-Smasher wie den Titelsong ebenso souverän wie leichtfüßige, eher geradlinige Country-Stücke, in denen die Pedalsteel-Guitar für Herzerweiterung sorgt und sich altbekannte, immergrüne Sehnsüchte nach Highways, endlosem Horizont samt von der Sonne gebleichten Tierschädeln am Wegesrand einstellen. Das volle Programm eben. Und das in selten gehörter Spiellaune. Entbehrlich erscheinen lediglich zwei Stücke des Albums: San Antonio Girl, das zu sehr nach Nashville-Stromlinie klingt und deshalb auch gleich mit dem schlichtesten Text aufwartet, und zumindest einer der beiden Gospels, die Lovett an den Ende des Albums gestellt hat. Die geht er zu schnell an, denen mangelt es an emotionaler Tiefe und damit an Überzeugungskraft.

Ansonsten lässt der US-Label-Kollege von Künstlern wie Ryan Adams oder den Jayhawks auf My Baby Don't Tolerate nichts anbrennen. Hirn mit Ei, Country-Style. Doch, das gibt's. (DER STANDARD, Printausgabe, 9.4.2004)

Karl Fluch

über

Lyle Lovett: My Baby Don't Tolerate (Lost Highway Records)
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    Lyle Lovett

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