Rokycany grüßt die Kapverden

7. April 2004, 19:45
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Die lebensbejahende Botschaft der Sängerin Vera Bílá beehrt das Niederösterreichische Donaufestival

Krems - "Da mir Gott keine Kinder schenkte, gab er mir als Ersatz etwas anderes." Vera Bílás Erklärung ihres Stimm-talents zeugt von unprätentiöser Nüchternheit und tiefer Verwurzelung in der Kultur der Roma. Eine solche ist Bílá nämlich ganz ohne Zweifel geblieben. Trotz ihres rasanten Aufstiegs zu einer Diva der so genannten World Music, als die sie Konzerttourneen durch ganz Europa und 1999 auch erstmals in den USA geführt haben, sieht sie sich nach wie vor als selbstverständlichen Teil ihrer Community. Und lebt noch immer in einer kleinen Wohnung in Rokycany, einer ärmlichen tschechischen Kleinstadt nahe Pilsen.

"Mein Mann und mein Adoptivsohn sind arbeitslos. Also muss ich die Familie unterstützen, denn irgendwer muss schließlich die Miete und die Rechnungen bezahlen", kommentiert Bílá ihr Tun, nicht ohne so viel sagende Einblicke in den schwierigen Alltag der Roma in ihrer Heimat zu gewähren. Dass sie mit ihrem Ruhm so gelassen umgeht, hat zweifellos auch damit zu tun, dass sie schon als Kind gerne barfuß und singend Bühnen betrat. Als eines von sieben Sprösslingen einer Musikerfamilie waren die Romalieder gleichsam natürlicher Bestandteil ihrer Sozialisation. Als man nach dem Fall des Eisernen Vorhangs außerhalb Tschechiens auf sie aufmerksam wurde, war sie längst eine lokale Größe.

Das 1995 veröffentlichte, programmatisch betitelte Album "Rom Pop" bedeutete den internationalen Durchbruch für ihre Stimme, die sich textlich sehr genau an den originalen Romani-Versen orientiert, musikalisch jedoch Einflüssen aus Pop, Swing und brasilianischer Musik öffnet und Brücken zu den sehnsuchtsvollen kapverdischen Mornas einer Cesaria Evora schlägt.

Trotzdem Bílás Lieder auch den Alltagsrassismus thematisieren, mit dem sich ihr Volk konfrontiert sieht, ist ihre Botschaft eine lebensbejahende: "Ich kann es mir nicht vorstellen, woanders zu leben", äußert sie zur Frage, die zurzeit viele Roma nicht nur in der Tschechischen Republik beschäftigt: "Auch in Kanada lebt man nicht wie auf Rosen gebettet. Auch dort muss man sich seine Existenz erst einmal erarbeiten. Meine Familie ist hier in Rokycany, hier wurde ich geboren, hier möchte ich auch sterben. Auch wenn das Leben zuweilen wirklich nicht einfach ist."

Eine Haltung, die offenbar Eindruck macht. Dass in Rokycany mittlerweile eine Schule steht, an der Romani als Unterrichtssprache praktiziert wird, das dürfte auch mit Vera Bílá zu tun haben. (DER STANDARD, Printausgabe, 8.4.2004)

Von Andreas Felber

Termine

22. 4., Kloster Und, Krems. 19.30;

Weitere Programmpunkte der Reihe "Heimspiel": Bahnstation Ibuschar (29./30. 4.), VooVoo (6. 5.)

  • Vera Bila über das Singen: "Irgendwer muss schließlich die Miete und die Rechnungen bezahlen!"
    foto: donaufestival

    Vera Bila über das Singen: "Irgendwer muss schließlich die Miete und die Rechnungen bezahlen!"

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