Theater wider die Barrieren im Kopf

7. April 2004, 20:01
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Mbongeni Ngemas unter Mitwirkung von Harry Belafonte, Miriam Makeba und Paul Simon auch für den Broadway adaptierte Anti-Apartheid-Musical "Asinamali!" feiert Österreich-Premiere

Korneuburg - Es war im Juni 1976, während zu Beginn des Soweto-Aufstands schwarze Schulkinder, die friedlich gegen die Einführung von Afrikaans als Unterrichtssprache demonstrierten, von Polizei-MGs niedergemäht wurden, als das "Market Theatre" in Johannesburg seine Pforten öffnete. Die programmatische Stoßrichtung war nicht nur ob dieser Eskalation der Apartheid-Gewalt a priori klar.

Untergebracht in den Hallen des ehemaligen indischen Obstmarkts, stellte das "Market Theatre" bereits in seiner ethnischen Zusammensetzung - als Ensemble mit Schauspielern aller Hautfarben, das für ein ebenfalls gemischtes Publikum spielte - ein provokantes Statement gegen die offizielle Separationspolitik dar.

Getragen von privaten Sponsoren und dem Idealismus der Akteure, die ihren Lebensunterhalt mit diversen Brotjobs bestritten, entwickelte sich die Bühne entgegen allen Hindernissen zum Symbol des intellektuellen Kampfes gegen den Systemrassismus Südafrikas. Das von Autor und Komponist Mbongeni Ngema geschaffene Musical "Asinamali!" ("Wir haben kein Geld"), das 1987 unter Mitwirkung Harry Belafontes, Miriam Makebas und Paul Simons auch für den Broadway adaptiert wurde, fand sich bald nach der Uraufführung 1983 im Repertoire des "Market Theatre" wieder und gilt als Klassiker des südafrikanisches Theaters.

Männer erzählen

Politisch-historischer Hintergrund sind die Proteste gegen die drastischen Mietpreiserhöhungen Anfang der 80er-Jahre im Township Lamontville nahe Durban; fünf Männer erzählen in einem Gefängnis bei Johannesburg über ihr Leben und illustrieren so die Situation der schwarzen Bevölkerung.

Ein junger politischer Aktivist aus Lamontville, ein Farmarbeiter, der mit der Frau seines weißen Chefs erwischt worden ist, ein Arbeits- und Unterstandsloser, der irrtümlich des Raubes beschuldigt wird, ein bevorzugt auf Beerdigungen und Demonstrationen seinem Gewerbe nachgehender Taschendieb und ein Wanderarbeiter, der seine Frau getötet hat.

Autor Ngema begegnet der Tragik des individuellen und kollektiven Schicksals mit den schlichten, sparsamen Mitteln des Township-Theaters, ausdrucksstarken A-Cappella-Gesängen und feinem Humor, der dem ungebrochenen Lebenswillen seiner schwarzen Landsmänner und -frauen Gestalt verleiht. Zehn Jahre nach dem Fall des Apartheidregimes bleibt die Frage nach der Aktualität eines derart durch seine Entstehungszeit geprägten Stücks.

Die Antwort ist eine eindeutige. Um in "Asinamali!" mehr als ein historisches Mahnmal zu sehen, muss man nicht selbst - wie der Autor dieser Zeilen - in Johannesburg oder Pretoria erlebt haben, welches Aufsehen mitunter noch immer ein Weißer und ein Schwarzer erregen, die nebeneinander auf dem Gehsteig schlendern.

Man muss dort auch keine Bank betreten haben und sich so des bizarren Kontrasts zwischen erster (weißer) und dritter (schwarzer) Welt in diesem Land bewusst geworden sein, in dem die Apartheid zwar politisch, freilich noch lange nicht ökonomisch, geschweige denn in den Köpfen der Menschen Vergangenheit ist. Dass derartige Denkbarrieren niemals ein spezifisch südafrikanisches Problem waren und sind, klärt auch im Jahr 2004 ein flüchtiger Blick in ein beliebiges Medium.

Von Andreas Felber

Termine

29.4.-2.5.; Alte Werft, Korneuburg.

20.30 (29.4.) bzw. 20.00

  • Szene aus "Asinamali!"
    foto: donaufestival

    Szene aus "Asinamali!"

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