Der verlegte Schlüssel zum Weltverständnis

13. April 2004, 11:55
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Botho Strauß findet mit "Der Untenstehende auf Zehenspitzen" zurück zum Mainstream

Mit dem Geschäft der kulturkritischen Reflexion ist kein besonderes Aufsehen mehr zu machen. Der deutsche Autor Botho Strauß, der heuer übrigens seinen 60. Geburtstag begeht, muss daher nicht damit rechnen, mit einem neuen Buch Anstoß zu erregen, das voller Klagen darüber steckt, was uns trotz Erbgutentschlüsselung und Netzeuphorie unwiederbringlich verloren geht.

Dem war bekanntlich nicht immer so. Wie ein sirrender Leitton steht über den Prosafragmenten in Der Untenstehende auf Zehenspitzen, Strauß' neuem Journal aus der ostdeutschen Uckermark, jener "Bocksgesang", der im herzlichen Nichteinverständnis mit liberalen Sprachregelungen Skandal machte.

Strauß erregte Abscheu - und heillose Angst vor der Unbedenklichkeit, mit der er unsere angeblich "sekundäre", nur mehr instrumentell gewordene Intelligenz als abgelebt und dekadent verwarf. Darüber schien er in eine drohende Nähe zu einem "Jargon der Eigentlichkeit" geraten, in den er als Prediger verfiel.

Strauß, der doch vor Jahrzehnten die Schule der 68er-Bewegung als sensibler Klassenprimus absolviert hatte, hatte sich jählings in einen Apostel des archaischen, im Wesentlichen tragischen Weltgefühls verwandelt. (DER STANDARD, Printausgabe, 7.4.2004)

Sein Ekel vor dem Grundrauschen der Kulturindustrie und deren Zuträgern beschwor sofort schärfste Gegnerschaft herauf. Trug ihm den Vorwurf ein, zwar kein Nazi, aber doch ein Zündler zu sein, der im "Verfassungspatriotismus" der Habermas-Schüler nichts anderes als die Verkümmerung unserer besten metaphysischen Anlagen erkennen wollte.

Strauß' Invektiven schienen von einer vorsätzlichen Blindheit bestimmt. Seine Theaterstücke wurden weiterhin gespielt, seine Erzählungen sogar weithin gerühmt. Nur als Debattenbeiträger einer stoffhungrigen Öffentlichkeit hatte sich der langjährige Schaubühnen-Mitarbeiter bis in alle Ewigkeit selbst diskreditiert. Dachte man. Denn mit seinem Buch, das stilistisch bestrickende Prosa feilbietet, münden Strauß' Denkbewegungen in den neuen Mainstream ein - auch wenn des Dichters Mehrheitstauglichkeit sozusagen aus unverhoffter Ecke kommt.

Längst gehört das verächtliche Herummäkeln an der Kurzatmigkeit unserer Wohlstandsgesellschaft zum Standardrepertoire von Kulturbetrachtung. Die "Gefahr der destruktiven Toleranz", die Strauß in ungezählten Notaten im Mund führt, reicht das Argument der durchschlagenden Wirkungslosigkeit an die Betreiber unserer Kultur weiter. Überhaupt misstraut der Dichter der Kommunikation: "Die Sprache an sich ist eine angeborene Prahlerei, wie die Natur sie sonst in grellen Farben und auswüchsigen Hörnern hervorbrachte."

Lob der Trägheit

Strauß lobt das Gesetz der Trägheit, in die, gleich einem Blitz, das Erkennen hereinbricht. Dieses neue "sanfte Gesetz" mündet nicht bloß in ausgedehnte Wanderbewegungen zwischen Rotbuchen und Triften. Es wirft auf die (fernab liegende) Gesellschaft der Betriebsamen und Fleißigen den Schatten einer Verdunkelung, die sich am Verlust der göttlichen Anwesenheit wie an einem sublimen Besitz - der in dem Verlust bestünde - ergötzlich weidet. Solchen quasisakramentalen Ersatztröstungen durch eine sehr fein gesponnene Dichtersprache eignet nichts Skandalöses. Unter Strauß' Verdikt fällt alles, was eine "falsche" Teilhabe an der Welt nahe legt: Mit der "Massendemokratie" braucht man ihm nicht zu kommen. Doch in vereinzelten Momenten bietet der Autor in seinem nimmermüden Einsatz gegen die Pest "des Sekundären" Verständnishilfen, die den aktuellen Diskursen, etwa über den Fundamentalismus, aufhelfen könnten. Das Gespenst von 9/11 huscht eher nur vorbei in diesem Journal: "Seit dem 11. September habe ich ein Schlüsselproblem. Ich verlege sämtliche Schlüssel. Ich verstecke sie buchstäblich vor mir."

Das meint nun keinen Bart. Sondern zeigt, wie die Sprache, wenn sie ihr Benennen ernst meint, am schwer Vorstellbaren scheitert.

Von
Ronald Pohl

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    Botho Strauß:
    Der Untenstehende auf Zehenspitzen
    Carl Hanser Verlag, München Wien 2004

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