Die marokkanische Fundamentalisten-Gruppe GICM

9. April 2004, 18:11
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Islamisten werden der Anschläge von Madrid und Casablanca verdächtigt

Paris - Französische Anti-Terror-Fahnder haben in der Region Paris mutmaßliche islamische Fundamentalisten aus Frankreich und Marokko festgenommen, deren Organisation im Zusammenhang mit den Anschlägen von Madrid und Casablanca verdächtigt wird. Spezialisten ist die "Marokkanischen Islamischen Kampfgruppe" (Groupe islamique combattant marocain, GICM) seit Jahren bekannt - zumindest als Struktur. Der Name selbst könnte indes auch "eine Schöpfung der Polizei sein", sagt Islam-Experte Gilles Kepel vom französischen Forschungsinstitut CNRS.

2002 nahm das US-Außenministerium die Gruppe in die Liste terroristischer Organisationen auf. Ziel sei nicht nur die Errichtung eines islamischen Staates in Marokko - sondern offenbar auch die Unterstützung des Terror-Netzwerks El Kaida bei dessen "heiligem Krieg gegen den Westen". Über Personalstärke und Finanzierung sei nichts bekannt, heißt es in Washington, die Vorwürfe lauteten zunächst auf Schmuggel von gefälschten Papieren und Waffen.

Europäische Behörden interessierten sich lange vor allem für Extremisten aus Algerien wie die Bewaffnete Islamische Gruppe (GIA) und die 1998 davon abgespaltene Salafisten-Gruppe für Predigt und Kampf (GSPC). Seit den Attentaten von Casablanca am 16. Mai 2003 nehmen auch die Pariser Fahnder die GICM genauer unter die Lupe. Unter den 45 Toten waren damals drei Franzosen. Die GICM gilt als Drahtzieher. Ihr mutmaßlicher Gründer, der nach London geflüchtete Mohamed Guerbouzi, wurde in Abwesenheit in Marokko zu 20 Jahren Haft verurteilt.

Nach Einschätzung der spanischen Ermittlungsbehörden und des Experten für marokkanische Fundamentalisten, Mohamed Darif, ist die GICM auch für die Anschläge von Madrid am 11. März mit 191 Toten verantwortlich. Zwischen den Anschlägen in Casablanca und Madrid gebe es "starke Verbindungen", sagte Darif der Nachrichtenagentur AFP. "Sie sind von derselben mit El Kaida verbundenen Organisation, der GICM, ausgeführt worden." Nach Angaben Darifs wird die Gruppe derzeit von Abdelkrim Thami Mejjati angeführt, den die spanischen Behörden wegen der Anschläge von Madrid suchen. Immer wieder fällt im Zusammenhang mit beiden Anschlägen auch der Name der Gruppe Salafia Jihadia, die als Ableger der GICM gilt.

Entstanden ist die GICM in den 90er Jahren aus einem Netzwerk von Marokkanern, die in Afghanistan gegen die sowjetische Besatzung kämpften. Ihr Gedankengut verbreiten sie nach Einschätzung des Experten Dominique Thomas ebenso wie die GIA unter anderem über die in London erscheinende Zeitung "Al Ansar".

Ein Pariser Anti-Terror-Richter stuft die GICM als Vertreter der Salafistischen Ideologie ein, die eine insgesamt orthodoxe Lesart des Korans vertritt. Einige der Mitglieder verhalten sich seinen Angaben zufolge aber wenig "salafistisch" - so tragen sie keine Bärte und verdienen Geld mit Drogenhandel, der im Islam eigentlich als unreine Tätigkeit verpönt ist. Der Salafismus knüpft an die Bewegung ägyptischer Theologen aus der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts an, die der Übermacht Europas mit einer Rückbesinnung auf die Werte der frühen Moslems (arabisch: "al Salaf", "die Ahnen") begegnen wollten. Saudiarabiens Staatsdoktrin, der Wahhabismus, ist ideologisch verwandt. (APA)

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