Die Stimme des moderaten Islam

15. April 2004, 19:46
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Die Muslime in Europa sollten nicht länger schweigen, meint Hans Rauscher in seiner Kolumne

Das "Allahu Akbar" (Gott ist groß) der Terroristen in Madrid, ehe sie sich in die Luft sprengten; der johlende Mob (viele Jugendliche darunter), der in der irakischen Sunniten-Hochburg Falluja vier amerikanische Sicherheitsleute lynchte und ihre zerhackten, verkohlten Körper kopfüber von einer Brücke hängte; die tobenden Anhänger des radikalen Schiiten-Führers Muktada al-Sadr, die sich mit der US-Besatzungsmacht blutige Kämpfe liefern; die gleichzeitig blumigen und blutrünstigen Drohschreiben von Al-Kaida, die den Spaniern ein Meer von Blut ankündigen, wenn sie nicht aufhören, die "Feinde der islamischen Verse" (offenbar des Koran) zu unterstützen.

All das dringt innerhalb von wenigen Tagen auf die Bürger westliche Länder ein und verdichtet sich zusammen mit den vielfältigen anderen Meldungen älteren Datums endgültig zu einem unabweisbaren Eindruck: Hier steht dem Westen eine neue Kraft mit absoluter, durch nichts zu beschwichtigender, existenzieller Feindschaft gegenüber. Die USA (und Israel) mögen der Hauptfeind sein, aber Europa wird nicht mehr ausgenommen, ob es nun die Anweisungen, sich von den "Feinden der islamischen Verse" zu lösen, befolgt oder nicht.

Denn selbst wenn Spanien und Italien ihre Truppen aus dem Irak abziehen (EU-Kommissionspräsident Prodi hat das bereits angekündigt, wenn er die Wahlen in Italien gewinnt), ist die Existenz des Westens und seiner Lebensform in den Augen dieser Fanatiker schon todeswürdig.

Sie träumen von einem totalitären islamischen Gottesstaat, überall dort, wo er sich durchsetzen lässt. Ihre Macht ist mit den totalitären Systemen des vergangenen Jahrhunderts nicht vergleichbar. Aber Tausende todesbereite "Kämpfer" können furchtbar treffen. Spätestens hier ist die Frage zu stellen, wie groß die Verankerung dieser Fanatiker in der riesigen islamischen Bevölkerung von Marokko bis Indonesien wirklich ist.

Und: warum die Taten der Extremisten nicht auf stärkeren Widerstand und auf größere Empörung innerhalb der islamischen Gemeinden treffen. Einzelne religiöse Führer haben die Attentate verurteilt und den friedlichen Charakter des Islam betont (es gibt keine zentrale religiöse Autorität). Aber ist es zu viel verlangt, dass zumindest die Angehörigen der islamischen Gemeinden in Spanien öffentlich Trauer und Solidarität zeigen? Vielleicht waren bei den Massendemonstrationen in Madrid nach dem 11. März zahlreiche Muslime, aber sie traten offenbar nicht als erkennbare Gruppe auf.

Ist es ferner zu viel verlangt, dass die Gläubigen gegen die radikalen Prediger in den Moscheen auch und gerade in Europa auftreten oder zumindest die Behörden informieren?

Man hört nichts oder sehr wenig von dem, was die Mehrheit der islamischen Gläubigen zu all dem denkt. Das darf in den arabischen Ländern, durchwegs autoritäre Regimes fast ohne Meinungsfreiheit, nicht verwundern; aber die Muslime in Europa, zu einem beträchtlichen Teil sogar Staatsbürger der jeweiligen Länder, sollten nicht länger schweigen.

Schon deshalb nicht, weil das Gesellschaftsmodell der radikalen Islamisten auch ihnen gewaltsam übergestülpt werden soll. Die Verteidigung gegen den Terrorismus, der einen falschen Islam zum Vorwand nimmt, ist nicht nur Sache der Polizei, sondern der ganzen Gesellschaft. Zu dieser gehören die Angehörigen der islamischen Religion dazu, sei es als temporäre Inhaber eines Wohnsitzes oder als Staatsbürger. Die Stimme des moderaten Islam muss lauter werden. (DER STANDARD, Printausgabe, 6.4.2004)

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