Alttestamentarische Wucht

9. April 2004, 13:09
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Der Wiener Osterklang wurde mit Frank Martins "Golgatha" und Olivier Messiaen eröffnet

Wien - "Ecce homo - Wohin strebst du?", examiniert in diesem Jahr der achte Wiener Osterklang den klangsuchenden Festbesucher mit existenziellem Ernst.

Intendant Roland Geyer hat in gewissenhaftem Hinblick auf die terroristischen Akte des Schreckens der letzten Jahre ein vielseitiges Programm zusammengestellt, das "gleichermaßen auf die Größe wie die Kleinheit des Menschen im Kosmos sowie auf dessen Vergänglichkeit" aufmerksam machen und auf "Gerechtigkeit, Barmherzigkeit und Frieden" als Grundbedingungen für ein kultiviertes Miteinander hinweisen soll. So werden Nikolaus Harnoncourt und der Concentus Musicus mit Purcells Cäcilien-Ode der Schutzheiligen der Musik lobsingen, und Bertrand de Billy wird mit dem RSO Wien die Stadt Betulia befreien - in Mozarts gleichnamigem Oratorium.

Als konzeptionellen Höhepunkt des österlichen Festivals wertete Geyer Olivier Messiaens Quatuor pour la fin du temps, das am Samstag in der Minoritenkirche zur Aufführung gelangte. Das Quartett für Klarinette, Violine, Violoncello und Klavier - es gilt als ein Hauptwerk des 20. Jahrhunderts - findet sein Ende in einem "Lobgesang auf die Unsterblichkeit Jesu".

Sprödes Spiel

Leider spielten sich Christian Altenburger, Patrick Demenga, Ulf Rodenhäuser und Thomas Larcher lediglich mit durchschnittlicher Intensität sowie reichlich solipsistisch durch das achtteilige Werk; speziell bei Demengas sprödem Spiel hätte eine spontane Ausgießung des Heiligen Emotionsgeistes Not getan.

Nicht so bei Julia Stemberger: Die Ehefrau Altenburgers las zwischen den Sätzen Texte von Paul Celan, Jura Soyfer und anderen. Und obwohl Bestimmtheit, Ernst und Zurückhaltung die wesentlichen Charakteristika ihrer Rezitation waren, klang in ihr doch bestimmtere, packendere Musikalität mit als im Wirken der vier Instrumentalisten.

Eröffnet wurde der Osterklang am Freitag mit einer Aufführung von Frank Martins Oratorium Golgatha. Der Westschweizer Pastorensohn hat in seinem in den späten 40er-Jahren entstandenen Werk sieben Szenen aus den Evangelien zusammen mit einigen kontemplativen Texten des heiligen Augustinus zu einem stimmungsvollen, dramaturgisch klug gebauten Textkörper geformt, in dem Aktion, Reflexion und Meditation in ideal proportioniertem Verhältnis zueinander stehen.

Einem mächtigen, urgewaltigen Strom gleich fließt, schiebt sich der Martinsche Melos langsam und kraftvoll durch die zeitlose Landschaft christlichen Glaubens, vorbei an Klangfelsen von harter, zerklüfteter Monumentalität wie auch an friedlichen, harmonischeren Gefilden.

Die Frauen und Männer des Wiener Singvereins (Einstudierung: Johannes Prinz) erfüllten die Szenen des Neuen Testaments mit alttestamentarischer Wucht, von den Wiener Philharmonikern unter der Leitung von Michael Boder mit routinierter Präzision und Kraft unterstützt. Durch die Bank fulminant singend fand das Solistenquintett in Frank van Akens tenoraler Strahlkraft seine akustische Krönung. (DER STANDARD, Printausgabe vom 5.4.2004)

Von
Stefan Ender

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Osterklang Wien

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