Liebschaften im leeren Raum

9. April 2004, 22:15
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Premiere von "Così fan tutte" bei den Salzburger Osterfestspielen -Cecilia Bartoli überstrahlte die Inszenierung

Premiere von "Così fan tutte" bei den Salzburger Osterfestspielen: Das Regieteam Ursel und Karl-Ernst Herrmann nützt die Dimensionen des Großen Festspielhauses und die Qualitäten eines toll besetzten Ensembles um Cecilia Bartoli für ein Beziehungsexperiment.


Salzburg - Verdrehte Salzburger Festspielwelt. Links vom Großen Haus umschließt eine unwirtliche Baustelle das Kleine Festspielhaus, das ab 2006 Amadeus hoffentlich mit adäquat dimensionierten Aufführungsbedingungen beherbergen wird. Im Großen jedoch verhalten sich die Salzburger Osterfestspiele zu diesem Sommervorhaben gleichsam ironisch kommentierend.

Als wollten sie sagen: Wozu der Bauaufwand? Es geht auch einfacher. Man gibt ja justament Così fan tutte, das Kammerspiel, die traurigste Oper der Musikgeschichte (Harnoncourt). Auf jener X-large-Bühne, die schon Turandot gesehen hat. Und als wär's damit der Ironie nicht genug, suchte man die Dimensionen der Bühne gar nicht zu verbergen. Così erscheint hier im Cinemascopeformat - Ursel und Karl-Ernst Herrmann brauchen für ihre Ideen die ganze Breite und nicht wenig der Tiefe der Bühne.

Zudem haben sie alles leer geräumt und kommen mit wenigen Utensilien aus. Hier ein Paravent, dort ein unverrückbarer Stein in Eiform, den Atmosphärenrest besorgen Licht und bemalte Riesenflächen. Wasserblau, Waldgrün und immerzu die Poesie der räumlichen Leere. Doch weil in diesem Kosmos der Einfachheit alles klug gestaltet ist, werden die Raumproportionen zum sinnstiftenden Element. In der Leere treten die Figuren deutlich hervor. Ihre Beziehungen, wie ihre Entfremdungen.

Die unschuldigen Damen wissen von Anfang an, was gespielt werden wird. Ihr kleiner Lauschangriff auf den vampirhaft-strengen Wettzyniker Don Alfonso (souverän Sir Thomas Allen) und die noch selbstherrlichen Burschen Ferrando und Guglielmo wirkt allerdings nicht rettend. Die Damen kippen hinein, verlieren sich im Treueexperiment. Und da hier nichts skulptural und operngestisch routiniert durchgezogen wird, steht man immerzu vor delikat dargestellten Gefühlsabgründen.

Es ist hier eine dekadente Spaßgesellschaft am Werk, deren einziges Problem darin besteht, dass der Tag 24 Stunden hat, die es hedonistisch auszuschmücken gilt. Im märchenhaft zeitlosen Milieu herrscht wohl Langeweile. Ein Hinterfragen der Beziehungsordnung, wie putzig. Doch am Ende der elegant erzählten Geschichte geht nichts mehr. Nach Partnertausch ist nicht mehr, wie es war. Nichts wird mehr gut. Der Versuch, die alte Ordnung wieder herzustellen, scheitert. Auf Täuschung folgt fundamentale Enttäuschung. Manche Experimente macht man besser nicht.

Das Raumexperiment kann hingegen als gelungen bezeichnet werden, zumal man - aus Sorgfaltspflicht der Musik gegenüber - die Flucht nach vorn, an die Rampe angetreten hat, ohne in Klischees zu erstarren. Damit sich die Berliner Philharmoniker unter Sir Simon Rattle mit den Sängern musizierend auf Intimdistanz begeben, hat man auch einen Steg gebaut, der in den Orchestergraben hineinragt. So lässt es sich kommunizieren.

Mit Cecilia Bartoli (als Fiordiligi) etwas. Sie hat sich bei den Proben den Fuß gebrochen. Da sie aber über Intensität und Quirligkeit für zehn Figuren verfügt und im Vokalen eine Virtuosin der leichtfüßigen Koloratur ist, die ihre Kunst mit lyrischer Pianissimo-Grazie würzt, hat sie die Mittel, um den großen Raum zu verkleinern. Magdalena Kozená (als Dorabella) liegt das Dramatische mehr und auch das Wahrhaftige. Nüchtern, kühl steht sie am Ende vor der Tatsache der eigenen Wankelmütigkeit. Ein Symbol der Ernüchterung.

Mühsame Momente

Die Herren eher mehr opernstatisch: Kurt Streit (als Ferrando) hat zudem bei aller Intensität in den Höhen manch mühsamen Moment, und etwas unscheinbar wirkt Gerald Finley (als Guglielmo), wenngleich stimmlich profund. Die Königin der Komödiennacht hingegen ist Barbara Bonney: Als Despina ein Kraftzentrum des Heiteren.

Damit man alles hört, hat Simon Rattle eine zierliche Orchesterbesetzung gewählt. Das bringt eine herb-flott durchgepeitschte Ouvertüre und viele Details. In Summe eine die Szenerie beflügelnde klangsprechende Arbeit von unspektakulärer Produktivität. Allerdings ist doch ein Verlust an Klangmagie zu bemerken. Wohl raumbedingt.

Die Produktion ist übrigens längst Geschichte. Österlicher Luxus: Man gibt das Ganze nur zweimal. Sie kommt zwar wieder, im Wiener philharmonischen Klangbild, aber mit einer fast gänzlich neuen Besetzung. Diese kann jetzt schon zu üben beginnen, damit sie den Vergleich mit diesem Ensemble aushält. Diese Così soll auch 2006 wiederkommen, wenn es gilt, alle Mozart-Opern zu zeigen. Das aber ist eine ganz andere, gefährliche Experimentgeschichte. (DER STANDARD, Printausgabe vom 5.4.2004)

Von
Ljubisa Tosic
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    Geglücktes Kammerspiel auf einer X-large- Bühne: Kurt Streit, Cecilia Bartoli, Thomas Allen, Magdalena Kozená und Gerald Finley (v. li.) in "Così fan tutte" bei den Salzburger Osterfestspielen.

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