Schlag gegen Terrorgruppe in Madrid

9. April 2004, 18:11
106 Postings

Mutmaßlicher Chef der Anschläge vom 11. März sprengte sich vor Festnahme mit vier Komplizen in die Luft

Der mutmaßliche Organisator der Bombenanschläge vom 11. März in Madrid, bei denen über 200 Menschen getötet wurden, war nach Angaben der spanischen Regierung unter den Extremisten, die sich am Samstagabend in der spanischen Hauptstadt in die Luft gesprengt haben. Innenminister Angel Acebes sagte am Sonntag, der 35-jährige Tunesier Serhane ben Abdelmajid Farkhet sei unter den Toten, die identifiziert worden seien. Eine Leiche, nach Meldungen die einer Frau, wurde aus dem Fenster in ein Schwimmbecken geschleudert, sie trug einen Sprengstoffgürtel. Ursprünglich gingen die Ermittler von vier Toten Terroristen aus, später am Abend konnte eine weitere Leiche identifiziert werden. Dabei handelt es sich um die "Nummer zwei" der Terrorzelle, den Marokkaner Jamal Ahmidan alias "Der Chinese", wie Ermittlerkreise bestätigten.

Gegen den 35 Jahre alten Abdelmajid Farkhet alias "Der Tunesier" hatten die spanischen Behörden am Mittwoch Haftbefehl erlassen. Er habe sich als "führendes und planendes Element" der Anschläge herausgestellt.

Am Sonntag wurde im Nebenhaus des zerstörten Gebäudes in Leganés ein Sprengsatz entdeckt. Innerhalb weniger Stunden hat sich in Spanien die schockierende Einsicht breit gemacht, nicht mehr nur Nebenschauplatz des globalen Phänomens Terrorismus, sondern zum bevorzugten Kampfplatz islamistischer Zellen mit Verbindungen zu Al-Kaida geworden zu sein. Nur wenige Stunden nach einem vereitelten Anschlag gegen einen AVE-Hochgeschwindigkeitszug auf dem Weg nach Sevilla führte die Spur eines Wertkartenhandys die Fahnder zu der Wohnung in Leganés, in der vier Mitglieder einer marokkanischen Terrorzelle angeblich jene Bombe vorbereitet hatten, die in dem 290 Stundenkilometer schnellen AVE ein Blutbad von ungeahnten Ausmaßen provozieren sollte.

Nach erbitterter Gegenwehr sprengten sich die mutmaßlichen Terroristen beim Versuch der Polizei, die konspirative Wohnung zu stürmen, selbst in die Luft - ein Beamter der Spezialeinheit GEO kam ebenfalls ums Leben, elf wurden verletzt.

"Allahu Akbar"-Rufe

Berichte von Polizisten, die unmittelbar vor der Detonation arabische Schreie und Gesänge - darunter den Ruf Allahu Akbar, Allah ist groß - gehört haben, verstärken den beklemmenden Eindruck, dass die Polizei erstmals einem Selbstmordkommando gegenüber stand, das bereit war, den "Heldentod" zu sterben. Für Spaniens Politiker und Terrorfahnder, die in über 30 Jahren Auseinandersetzung mit dem baskischen Terrorismus gelernt hatten, mit den auf Überleben bedachten Verhaltensmustern der ETA umzugehen, bedeutet das Auftauchen fanatisierter Fundamentalisten eine Bedrohung, für die man keinerlei Rezepte hat.

Nicht nur in Leserbriefen an Zeitungen und Anrufen von Hörern bei den Radiosendern wird die Schuld an den überraschenden Terrorschlägen der spanischen Beteiligung am Irakkrieg zugeschoben. Die inzwischen auch in Kommentaren laut gewordene Forderung, der künftige Premierminister Rodríguez Zapatero solle den Truppenabzug aus dem Irak "unverzüglich" durchführen, macht das Dilemma deutlich. Nach seiner für den 16. April geplanten Amtseinführung wird vom neuen Regierungschef ein Balanceakt verlangt: Einerseits wird er sein Wahlversprechen erfüllen wollen, gleichzeitig muss er aber jeden Anschein vermeiden, der Rückzug sei eine überstürzte Flucht vor dem Feind. (DER STANDARD, Print-Ausgabe vom 5.4.2004)

Josef Manola aus Madrid

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Polizei sperrte im Madrider Arbeitervorort Leganès Straßen rund um den Brennpunkt der Razzia

  • Bild nicht mehr verfügbar
  • Bild nicht mehr verfügbar
  • Bild nicht mehr verfügbar

    Der Tatort bei Tageslicht

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Der Schauplatz der Explosion in dem Wohnhaus, in dem sich die Verdächtigen verschanzt hatten.

Share if you care.