Studien über Tabakrisken als "Nazipropaganda" ignoriert

9. April 2004, 18:58
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Hätte die Öffentlichkeit über Risken früher als ab den 1960ern alarmiert werden können? Ja, meint ein US-Forscher

Washington/Wien - Das in Irland erlassene und in Südtirol geplante totale Rauchverbot am Arbeitsplatz wirft einige Fragen auf. Unter anderem: Nachdem die schädigende Wirkung des Zigarettenkonsums schon längst bewiesen ist - warum erst jetzt?

In diesem Zusammenhang wird den USA, heute führend in der Nikotinforschung, stets vorgeworfen, sie hätten nach Errichtung der ersten entsprechenden Forschungseinrichtungen in den 1950ern die Erkenntnisse zu lange zurückgehalten, die Öffentlichkeit erst ab den 1960ern etwa über das Krebsrisiko informiert.

Der US-Wissenschaftshistoriker Robert N. Proctor von der Pennsylvania State University geht einen Schritt weiter: Beweise für den Zusammenhang zwischen Lungenkrebs und Nikotin seien bereits ab den 1930ern auf deutschen Tischen gelegen. Hätten die Alliierten diese Studien nicht als "Nazipropaganda" ignoriert, wären Tausende Raucher, die deshalb 30 Jahre lang in Unkenntnis der Risken gelassen worden seien, vielleicht vor Krebs bewahrt worden.

Mit der Verbreitung von Zigaretten als Genussmittel Ende des 19. Jahrhunderts explodierte die Zahl von Lungenkrebsfällen. Schon vor zwei Jahren schrieb Proctor im International Journal of Epidemiology: "Lungenkarzinome waren bis zum Jahr 1900 mit lediglich 140 dokumentierten Fällen weltweit" noch Exoten. Doch schon 1930 war die Erkrankung nach Magenkrebs die Nummer zwei unter den tumorbedingten Todesfällen in Deutschland. Im Ersten Weltkrieg waren Soldaten freizügig mit Zigaretten versorgt, Generationen von Abhängigen geschaffen worden.

Die dramatisch steigende Zahl an Lungentumoren wurde von der europäischen Wissenschaft zunächst auf folgende Ursachen zurückgeführt: Teer für Straßenbau und in Autoabgasen, im Krieg eingesetzte chemische Waffen, die Spanische Grippe von 1919, verbesserte statistische Methoden und Diagnosen (Röntgen etablierte sich) und - als Folge der damals in ganz Europa immer salonfähiger werdenden Eugenik - sogar auf die "Rassenvermischung".

Nach Proctors Recherchen waren deutsche Pathologen die ersten, die einen Zusammenhang mit Nikotin herstellten. Fritz Lickint von der Uni Dresden kam 1929 zum Ergebnis: Lungenkrebs trete primär bei Rauchern auf, sechsmal mehr bei Männern (es rauchten noch wenige Frauen in Deutschland), wobei in Ländern, in denen mehr Frauen rauchten, der Geschlechterunterschied abnehme.

Nach der Machtübernahme der Nazis 1933 in Deutschland wurden besonders jene Wissenschaftsdisziplinen gefördert, die für militärische Zwecke und die NS-Rassenhygiene den entsprechenden wissenschaftlichen Output erwarten ließen. So auch die Krebsforschung. Warum?

Die Rassenhygieniker nahmen an, dass Krebs durch DNA-Schäden entsteht, und waren darauf erpicht, das Erbgut des deutschen Volkes nicht nur rein, sondern auch gesund zu erhalten. Also, erklärt Proctor, habe sich auf Lickints Erkenntnissen basierend in Deutschland ein Zentrum für die Erforschung des Zusammenhangs zwischen Zigarettenkonsum, DNA-Schädigung und Lungenkrebs entwickelt: Karl Astels Institut zur Erforschung von Tabakgefahren an der Uni Jena.

Massive Kampagne

Astel war es auch, der Ende der 1930er Jahre eine landesweite Kampagne gegen Tabakkonsum startete, weltweit die erste, die in einem totalem Rauchverbot an und in öffentlichen Plätzen und Einrichtungen mündete.

Günther Just untersuchte am Würzburger Rassenbiologischen Institut die Auswirkungen von Nikotinkonsum auf Gene und Hormone, Gustav Kuschinsky führte an der Uni Prag Experimente an Ratten durch, assistiert vom österreichischen Rassenbiologen Karl Thums, der nachweisen konnte, dass Rauchen zu DNA-Schäden führen kann.

Nach dem Sieg über das Naziregime, analysiert Proctor, seien die Alliierten bei ihrer Durchforstung der gesamten deutschen Wissenschaft nach verwertbaren Ergebnissen (siehe Interview unten) primär an Erkenntnissen für die Rüstungsindustrie interessiert gewesen. Die Tabakstudien, die "sicher Leben hätten retten können", seien - auch wegen der rassenbiologisch inspirierten Antiraucherkampagne - als "Nazipropaganda" ignoriert worden. Dafür hätten die USA von 1948 bis 1949 dem besiegten Deutschland 93.000 Tonnen Zigaretten als Teil des Marshallplans geliefert. Erst Mitte der 1950er-Jahre hätten die USA die Risken des Rauchens erkannt, mit der Gründung des "Tobacco Institute" selbst zu forschen begonnen. (Andreas Feiertag/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 3./4. 4. 2004)

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