Ein Amerikaner in Prag

9. April 2004, 12:56
posten

Philip Roths "Shop Talk"

Ein Klischee der letzten Jahre: "Von Amerika aus gesehen ist Europa ein kleiner Punkt auf der Landkarte" - das stimmt vielleicht im politischen, aber sicher nicht im künstlerischen Sinn. Es ist doch umgekehrt, dass nämlich ein riesiges Europa mitten im kleinen Amerika liegt - das Europa der Einwanderer: Die schrieben Musicals wie Oklahoma! und Songs wie God Bless America!, hießen Berlin, Copland, Gershwin, Bernstein. Oder sie schrieben Romane, die entweder Identitäten wie diejenige des Ostjudentums rekonstruierten (Isaac Bashevis Singer) oder gleich, wie Saul Bellow, Sohn galizischer Einwanderer, die Brüchigkeit von (Selbst-)Bewusstsein zum Zentrum der Romanwelt machen. Bellows Schelmenroman Augie March (1953) beginnt, trotzig alle Zweifel abstreifend, mit dem Satz: "Ich bin ein Amerikaner, geboren in Chicago."

Philip Roth (geboren 1933) ist schon die "next generation", doch auch seine Romane, auf der natürlich immer scheiternden Suche nach Zuckermans Befreiung, schleppen Europa mit. Und zwar von Amerika aus. Genau dies ist das Interessante an seinen Gesprächen, die eigentlich ein Roman sind: Shop Talk - der Blick des Amerikaners auf Europa. Roth hat immer wieder Gespräche mit Kollegen geführt, bei denen er sich selbst suchte: Primo Levi, Isaac Bashevis Singer, Milan Kundera, Ivan Klima, Aharon Appelfeld. Diese Gespräche sind nicht aus literarischen, sondern aus wichtigeren Gründen ergiebig. Zum Beispiel, weil sie oft die angeblich "typisch amerikanische" Naivität gegenüber "dem Osten" - als Religion, als Literatur und als politischer Begriff genommen - zeigen.

Zum Beispiel Prag, das Roth schon 1970 bereiste (bis er, da Amerikaner und weltberühmt, ab 1975 keine Visa mehr bekam). Mit Iván Klima, dessen Romane nach 1989 in Tschechien in Auflagen von 150.000 erschienen, spricht er zum Beispiel über Vaclav Havel, aber auch über Milan Kundera: Bei diesem, der für Leser im Westen als "der" Beschreiber der Unterdrückung der Tschechoslowakei gilt, gehend die Bewertungen völlig auseinander: Für die Tschechen reproduziert Kundera nur holzschnittartig und schwarzweiß die Klischees, die sich der Westen von Prag 1968 machte. Natürlich stellt Roth auch die von allen "Westlern" immer gestellte Frage, warum Kafka verboten war.

Dazu die gescheiten Sätze Klimas, die aber auch für die Anpassungs- und Verstellungsleistungen, die eine "freie Marktwirtschaft" verlangt, gültig sind: "Das Anstößigste an Kafkas Persönlichkeit ist seine Redlichkeit. Ein Regime, das darauf basiert, dass die Menschen so tun als ob, das als Zustimmung Lippenbekenntnisse fordert, ohne sich um die innere Überzeugung jener zu kümmern, deren Zustimmung es verlangt, ein Regime, das Angst vor jedem hat, der den Sinn seines Vorgehens hinterfragt, kann nicht zulassen, daß jemand, dessen Aufrichtigkeit einen so faszinierenden Grad an Vollkommenheit erlangt hat, zu den Menschen redet." Kafka ist eine gewisse Obsession Roths, nach Kafka fragt er immer wieder alle, wobei er - wie auch in den eigenen Romanen - mehr an Inhalte denkt (also auf der Ebene von: Söhne werden in Käfer verwandelt). Es ist witzig, wie sich verschiedene Gesprächspartner ganz unterschiedlich aus der Affäre ziehen. Aharon Appelfeld, der als 8-jähriges Czernowitzer Kind in ein Lager in Transnistrien verschleppt wurde, aus diesem floh, sich in Wäldern versteckte, Appelfeld also antwortet: "Zu meiner Überraschung sprach er nicht nur in meine Muttersprache mit mir, sondern auch in einer anderen Sprache, die mir zutiefst vertraut war, der Sprache des Absurden. Ich wußte, wovon er redete. Ich war aus den Lagern und den Wäldern gekommen, aus Welten, in denen das Absurde hauste. Was mich überraschte, war nur: Wie konnte ein Mensch, der nie dort gewesen war, so viel über diese Welten wissen?"

Aharon Appelfeld, by the way (weil er der noch am wenigsten Berühmte von Roths Gesprächspartnern ist): Er trat bei Roth auch schon einmal als Romanfigur auf, im Buch zum Jerusalemer Demjanuk-Prozess 1988 (Operation Shylock). Dort im Zusammenhang mit Identitätssuche und Zerfall. Und in diesem Zusammenhang stehen auch diese Gespräche. Sie bilden selbst einen Roman. Lebensgeschichten, Irrwege: Fast immer geht Roth davon aus, dass jüdische Identität besonders "brüchig" wäre. Extrem witzig deshalb das Gespräch mit dem jiddisch dichtende Nobelpreisträger Isaac Bashevis Singer. Der, zur Situation in Warschau vor dem Weltkrieg befragt, erzählt, dass die jiddischen Dichter in der Stadt am meisten die in Polnisch schreibenden Juden verabscheuten, womit er sagen will: Sprechen wir bitte nicht von "den" Juden als homogene Gruppe!

Übrigens ist Philip Roth ein schlechter Journalist: Seine Fragen sind viel zu lang. Und er ist doch auch ein guter: Sein Buch baut Klischees ab. Es spricht für Philip Roth, dass er, der Weltstar, das Korrigieren seines allzu globalen Blicks immer wieder vorführt. So in einem Text, der auch aus rein informativen Gründen faszinierend ist: Roths Besuch bei Primo Levi in Turin 1986. Zunächst die Beschreibung der Lackfabrik, in welcher der Chemiker Levi arbeitete, zehn Kilometer vor Turin. Dann die Beschreibung des Arbeitszimmers: Levi bastelte aus Kupferdraht und den Isolierungen, die seine Firma erzeugte, skurrile Figuren, unter anderem "ein Mann, der seine Nase spielt", wie Levi erklärte. "Ein Jude", schlug Roth vor: "Ja, ja", stimmte Levi lachend zu, "natürlich, ein Jude."

Dann Roths Vermutung, der Wissenschaftler hätte in Auschwitz leichter überleben können als irgendwer. Und Primo Levis Korrektur des Klischees: "Ich bestehe darauf, daß es keine allgemeine Regel gab, außer daß man gesund ins Lager kommen und Deutsch können musste. Abgesehen davon herrschte der Zufall." (ALBUM/ DER STANDARD, Printausgabe, 3./4.4.2004)

Von
Richard Reichensperger
  • Bild nicht mehr verfügbar

    Philip Roth:
    Shop Talk
    Hanser 2004, € 18,-/204 Seiten.

Share if you care.