Der Mann, der Japan veränderte

27. Juli 2004, 17:41
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Er gilt bereits als Managerikone: Der Brasilianer Carlos Ghosn sanierte Nissan mit bis dahin in Japan undenkbaren Methoden

Tokio – Kiyoshi Masui ist Chef einer kleinen Fabrik am nördlichen Rand von Tokio, die mechanische Bauteile herstellt. Stolz führt er Journalisten aus Europa durch sein kleines Reich. Auch ihm hat die langjährige Wirtschaftskrise schwer zu schaffen gemacht. Seine 15 Mitarbeiter verdienen nun rund 30 Prozent weniger als noch vor einigen Jahren. Auf die Frage, ob er sich auch von Mitarbeitern trennen musste, wird er dann überraschend laut und emotionell: "Eine Firma, die sich von Mitarbeitern trennt, verkauft ihre Seele. So ein Unternehmen hat keine Daseinsberechtigung", meint er verächtlich.

Das Unternehmen als Familie. Mitarbeiter sind dem Unternehmen ihren ganzen Einsatz schuldig, und der Unternehmer ist für die Sicherheit der Arbeitsplätze verantwortlich. Eine Kündigung käme dem persönlichen Versagen des Chefs gleich und wäre mit großer Schande und Gesichtsverlust verbunden.

Nur wer dieses System versteht, kann ermessen, welche Tabus und Widerstände Carlos Ghosn brechen musste, um einen der ganz großen japanischen Konzerne, den Autohersteller Nissan, zu sanieren.

Renault steigt bei Nissan ein

Ziemlich genau vor fünf Jahren, am 27. März 1999, erlebte Japans Wirtschaft einen großen Schock: Ein ausländischer Konzern, der französische Konkurrent Renault, übernahm das Lenkrad bei Nissan.

Der nächste Schock: Erstmals in der Geschichte wurde ein Ausländer an die Spitze eines japanischen Unternehmens gesetzt. Der im Libanon geborene Brasilianer Carlos Ghosn wurde als "Mr. Cost- Killer" von den Medien vorgestellt und angefeindet.

In Gold investieren

In Europa wurde inzwischen dem Renault-Chef Louis Schweitzer von Investmentbankern geraten, die 5,4 Milliarden Dollar, die das Nissan-Engagement kostete, besser in Gold zu investieren, auf einen Tanker zu laden und diesen zu versenken. "Das macht weniger Arbeit."

Fünf Jahre später gehört Nissan mit einer Umsatzrendite von deutlich über zehn Prozent zu den bestverdienenden Autokonzernen. Allein der Gewinn 2003 machte mit 5,3 Milliarden Euro etwa gleich viel aus wie der Kaufpreis, den Renault 1999 gezahlt hat.

Massenkündigung

Ghosn hat fast 28.000 Mitarbeiter (von 150.000) gekündigt, Fabriken in Japan geschlossen und den Schuldenberg von 15 Milliarden Euro bis 2003 komplett getilgt. Die Autopalette wurde durchforstet und gemeinsam mit Renault wurde deutlich billiger eingekauft, Firmengolfplätze wurden verkauft und Ferienressorts geschlossen.

"Ein Japaner hätte das unmöglich machen können, er wäre wohl als völlig asoziales Wesen aus dem Land gejagt worden", meint dazu ein Vertreter des Wirtschaftsministeriums zum Standard. "Nur ein Ausländer konnte diese Mauern einreißen."

Mittlerweile sind die Methoden des Brasilianers anerkannt und sein Rat gefragt. Bei seinem Amtsantritt völlig undenkbar, ist Ghosn nun auch in den Sony-Aufsichtsrat gewählt worden – die höchste Anerkennung, die Manager in Japan bekommen können. (Michael Moravec, Der Standard, Printausgabe, 03.04.2004)

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    "Nur ein Ausländer konnte diese Mauern einreißen." Brasilianer Carlos Ghosn sanierte Nissan mit bis dahin in Japan undenkbaren Methoden.

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