Die Jagd nach verschollenen Sprachen

3. April 2004, 20:00
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Ein internationales Linguisten-Team macht sich zur Sinai-Halbinsel auf, um Palimpseste zu entziffern

Frankfurt/Main - Schatzsucher gibt es reichlich heutzutage, aber Jost Gippert ist kein typischer Glücksritter. Der Frankfurter Professor sucht nicht nach Gold oder Edelsteinen, sondern nach verschollenen Sprachen. Nun hofft er hinter ägyptischen Klostermauern einen Schatz zu bergen. Gemeinsam mit einem internationalen Linguisten-Team fiebert Gippert einer Reise entgegen, die ihn in diesem Sommer zum Sankt-Katharinen-Kloster auf der Sinai-Halbinsel führt. Dort hoffen die Forscher, auf alten Pergamenten die Sprache eines vor mehr als 1.000 Jahren untergegangenen kaukasischen Königreiches zu entschlüsseln.

"Musis"

Im Gepäck haben sie eine Spezialkamera, die für das bloße Auge unsichtbare Schriftzeichen wiederherstellen kann. Das von der griechischen Forschungsstiftung FORTH entwickelte Hard- und Software-System "Musis" spürt selbst winzigste Tintenreste in Pergament auf. Mittels Spektralanalyse können so abgeschabte und überschriebene Schriftreste sichtbar gemacht werden.

Die Musis-Kamera, mit der zunächst Kunsthistoriker übermalte Bilder rekonstruierten, wird damit zum Schlüssel für die so genannten Sinai-Palimpseste: 1975 waren beim Einsturz einer Wand des im 6. Jahrhundert gegründeten Klosters zwei Handschriftenbände unbekannter Herkunft entdeckt worden. Bald stellte man fest, dass es sich dabei um Palimpseste handelte - Pergamente, die aus Materialmangel mehrere Male überschrieben worden waren. Die oberste Schicht der insgesamt knapp 200 Blätter sind altgeorgische Texte aus dem 11. oder 12. Jahrhundert. Doch darunter stießen Forscher auf zunächst unbekannte Schriftzeichen aus dem 6. und 7. Jahrhundert nach Christus.

Unklarheit über Herkunft

Mittlerweile steht fest, dass auf etwa 150 der Pergamente Texte in Sprache und Schrift des in den Araberstürmen des 8. Jahrhunderts untergegangenen kaukasischen Albanien stehen. Dieses christliche Königreich, das nichts mit dem heutigen Albanien zu tun hat, befand sich auf dem Territorium des heutigen Aserbaidschan. Wo die Texte geschrieben wurden und wie sie in das Katharinen-Kloster gelangten, ist allerdings unklar.

Von der albanischen Schriftkultur war bisher außer weniger Inschriften auf Stein und Ton sowie Hinweisen in alten armenischen Texten praktisch nichts erhalten. Das gesamte bekannte Material schätzt Gippert auf nur 200 Zeichen. Dagegen könnten die Sinai-Palimpseste rund 4.500 Wortformen enthalten. "Nun könnten auf einen Schlag 99 Prozent des albanischen Schrifttums entziffert werden", schwärmt der Sprachforscher. Das ist einmalig: Zwar seien weltweit Tausende Sprachen mehr oder weniger spurlos verschwunden, sagt Gippert. Es sei aber relativ unwahrscheinlich, dass von ihnen noch einmal bedeutende Schriftdenkmäler auftauchten.

Udisch

Was Gippert und Kollegen fiebern lässt, ist die Entzifferung der Sprache. Denn mehr als tausend Jahre nach dem Ende des alten Albaniens wird im Kaukasus immer noch eine Sprache gesprochen, die offenbar direkt vom Albanischen abstammt: Udisch wird heute nur noch von wenigen tausend Menschen in je einem Dorf in Aserbaidschan und Georgien verstanden.

In den Jahrhunderten hat sich die udische Grammatik weit vom Albanischen entfernt. Die Linguisten wollen deshalb die Geschichte der Sprache rekonstruieren, die zum kaum erforschten und isolierten Stamm der ostkaukasischen Sprachen gehört. Dazu mussten die Wissenschaftler die Schrift entziffern. Das albanische Alphabet, neben dem georgischen und dem armenischen das dritte kaukasische Schriftsystem, wurde bereits 1937 in einem armenischen Manuskript entdeckt und ist mittlerweile fast entschlüsselt: 47 der insgesamt 52 Buchstaben sind laut Gippert identifiziert.

Eine Frage der Tinte ...

Bis Anfang 2005 hofft Gippert, die Palimpseste entziffert zu haben. Voraussetzung ist allerdings, dass die albanischen Schreiber eine anderer Tinte als ihre georgischen Nachfolger benutzten - denn nur dann kann die Spektralanalyse der Kamera die Schriftreste auseinander dividieren.

Gippert und die anderen Forscher sind vom Wert ihrer Unternehmung überzeugt. Sonst würde sich auch das von der Volkswagen-Stiftung finanzierte "Musis"-System nicht lohnen, das 65.000 Euro kostet. Nach dem Sinai-Projekt soll die Kamera in die georgische Hauptstadt Tiflis gehen, wo etwa 4.500 Palimpsest-Handschriften auf Entzifferung warten. "Ob darunter weitere albanische Texte sein werden, wissen wir noch nicht", sagt Gippert. (APA/Nikolaus von Twickel/AP)

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