Musiktauschbörsen als Marketinginstrument

8. April 2004, 13:22
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Während die Musikbranche darüber klagt, dass Musiktauschbörsen zu ihrem Untergang beitrügen - bedient sie sich für Marketingzwecke selbst der Filesharing-Dienste

Für die Musikindustrie stehen neben der schwächelnden Konjunktur die Hauptschuldigen für die von ihr miserabel empfundenen Umsätze längst fest: Musiktauschbörsen wie etwa KaZaA oder Grokster, aber auch kleinere private Netzwerke, so genannte Peer-to-Peers (P2P) oder Filesharing-Systeme. Von diesen können Internetuser gratis Musikfiles herunterladen und auf CDs brennen, was das musikalische Herz begehrt.

Nutzen

Doch ein Schaden kann auch zum Nutzen werden. US-Medienberichten zufolge nutzt die Musikindustrie die Filesharing-Dienste mittlerweile selbst für Marktbeobachtung. Ebenfalls gratis, versteht sich. Denn die Musikstücke, die über die P2P-Börsen getauscht werden, geben ein gutes Abbild der Nachfrage unter den Musikfans ab.

Beobachten

So berichtet die San Jose Mercury News, Plattenfirmen hätten Marktforscher damit beauftragt, Tauschbörsen dahingehend zu beobachten. Auf diese Weise bekommen sie Daten, anhand denen Musikstücke gezielt bei Radiostationen oder Fernsehsendern lanciert oder auch das richtige Stück aus einem Album ausgekoppelt werden könne.

Geheim?

Da im Internet so gut wie nichts geheim ist, ist dieses Ausspionieren eine nahe liegende, aber dennoch heikle Sache. Denn seit einiger Zeit geht die Musikindustrie, allen voran in den USA, gegen die Musiktauschbörsen mit Klagen gezielt vor. Zahlreiche europäische Länder sind nun nachgezogen. So müssen nun auch in Deutschland Nutzer von Tauschbörsen mit juristischen Schritten rechnen. Erst diese Woche erstatteten die deutschen Phonoverbände 68 Strafanzeigen gegen "unbekannt".

"Wir haben gerichtliche Schritte nie ausgeschlossen."

Ein Schritt, den auch die Ifpi Austria, der Verband der österreichischen Musikwirtschaft, zumindest erwägt. "Wir haben gerichtliche Schritte nie ausgeschlossen. Jeder, der Gesetze verletzt, muss damit rechnen, zur Verantwortung gezogen zu werden", sagt dazu Ifpi-Geschäftsführer Franz Medwenitsch. Urheberrechtsverletzungen können in Österreich sowohl Schadenersatzforderungen als auch strafrechtliche Sanktionen zur Folge haben.

800 Millionen nicht autorisierte Musikfiles

800 Millionen nicht autorisierte Musikfiles werden der Ifpi Austria zufolge derzeit von Filesharern angeboten, der Onlinediebstahl von Musik richte in Österreich jährlich bereits 7,5 Mio. Euro Schaden an, weltweit wird dieser auf 4,3 Mrd. Dollar geschätzt. Mittlerweile würden in Österreich mit 19 Millionen Stück genauso viel Musik-CDs verkauft wie gebrannt. Einen fixen Zeitpunkt für das Vorgehen gegen "Musikdiebe" hat die Ifpi Austria derzeit allerdings noch nicht im Plan. )Karin Tzschentke, DER STANDARD Printausgabe, 2. April 2004)

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