Böse Bilder für George W.

1. April 2004, 18:03
27 Postings

Die jüngsten Ereignisse im Irak lasten schwer auf dem Wahlkampf des Präsidenten - Von Christoph Winder

Es waren schlechte Nachrichten und böse Bilder, die da am Mittwoch aus dem Irak kamen: Ein entfesselter Mob tötet vier amerikanische Zivilisten und verunstaltet in einer öffentlich zur Schau gestellten Hassorgie ihre verkohlten Leichen bis zur völligen Unkenntlichkeit. Binnen kürzester Zeit wurden die Gräuelbilder von den US-Fernsehstationen ausgestrahlt oder im Internet verbreitet.

Die nahe liegende historische Assoziation, die bei vielen Beobachtern geweckt wurde, war die an 1993, als Milizionäre des Clanchefs Aideed die Leichen von US-Soldaten durch die Straßen von Mogadischu zerrten und damit das Anfang vom Ende des amerikanischen Engagements in Somalia einläuteten. Politiker nehmen solche Mediencoverage sehr ernst. Die Furcht vor blutigen Bildern war auch einer der Hauptgründe dafür, dass Bill Clinton sich 1994 weigerte, US-Truppen nach Ruanda zu entsenden.

Droht nach Falluja jetzt ein ähnliches Szenario wie nach Mogadischu - wachsender öffentlicher Druck, (wahl-)strategische Bedenken, schneller Rückzug? Trotz mancher ähnlicher äußerer Umstände, die Falluja und Mogadischu verbinden: sicher nicht. Erstens ist das, was im Irak passiert, für eine solide Mehrheit der US-Bürger immer noch eine direkte Folge von 9/11 bzw. der Versuch, der Nation eine weitere solche Katastrophe zu ersparen. Das heißt, dass die Duldsamkeit gegenüber der politischen und militärischen Führung des Landes, die man in einen Krieg gegen den "Terror" verwickelt sieht, einfach größer ist. Zweitens hat Bush sein persönliches Schicksal so eng mit diesem Krieg verbunden, dass ein Abzug aus dem Irak der politischen Selbstvernichtung gleichkäme.

Dennoch sind die Gewaltausbrüche der letzten Tage ein Menetekel für den US-Präsidenten. Bush hat es immer verstanden, hervorragende Spindoktoren wie Karen Hughes oder Karl Rove um sich zu scharen, die sein öffentliches Image als Kriegsherr in wohlgefälligen Bildern darzustellen wussten (schnittiger Luftwaffensoldat auf

der USS "Abraham Lincoln", Überraschungsgast bei der Thanksgivingfeier in Bagdad etc). Jetzt werden mit einem Mal und auf eine für Bush unkontrollierbare Weise die schmutzigen Seiten des Krieges ausgestellt.

Noch ist die Toleranzgrenze für die Amerikaner nicht erreicht - doch wenn sich Bilder wie die aus Falluja häufen, ist es nicht auszuschließen, dass es zu einem Sinneswandel in der US-Öffentlichkeit kommt und die Kosten des Krieges neu bewertet werden.

John Kerry, Bushs demokratischer Gegner bei den Präsidentschaftswahlen, wird sicher alles daran setzen, dass eine solche neue Rechnung aufgemacht wird. Seit Monaten wettert er zwar nicht gegen den Irakkrieg selbst - wohl aber gegen die Art, wie er geführt werde, nämlich "arrogant und sturköpfig". Der wenig ermutigende Fortgang beim Wiederaufbau des Irak kommt dieser Lesart sehr entgegen. Auch Kerrys wiederholter Vorwurf, Bush habe die Amerikaner in die internationale Isolation geführt, erhält durch Ereignisse wie die in Falluja neue Nahrung.

Fraglich ist auch, ob die Strategie der Bush-Regierung, das andauernde Low-Level- Gemetzel im Irak als das letzte Aufbäumen von einigen versprengten Rest-Terroristen und "Schlägern" darzustellen, geschickt ist. Es ist leicht möglich, dass diese rosig-zweckoptimistische Sicht immer mehr in Widerspruch zu den blutroten Realitäten im Irak gerät und die Bush-Regierung weiter an Glaubwürdigkeit einbüßt - keine besonders wünschenswerte Perspektive für ein Wahljahr.

Allerdings hat Bush nur wenige Möglichkeiten, die Entwicklung im Irak zu seinen Gunsten zu drehen. Viel von seinem weiteren politischen Schicksal wird daher auch nicht in den "war rooms" seiner Wahlstrategen entschieden, sondern auf dem wirklichen Kriegsschauplatz im Irak. Dass Bush mit einem erheblichen Verlust an politischem Manövrierraum in den Wahlkampf ziehen muss, zählt zu den verborgenen Nebenkosten dieses Krieges. (DER STANDARD, Printausgabe, 2.4.2004)

Share if you care.