"Wir in Kärnten sind anders"

5. April 2004, 12:36
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Jörg Haider wurde von FPÖ und ÖVP neuerlich zum Landeshauptmann gewählt - Die SPÖ blieb dabei, die Wahl nur zu ermöglichen

Jörg Haider wurde am Mittwoch mit den Stimmen von FPÖ und ÖVP neuerlich zum Landeshauptmann gewählt. Die SPÖ blieb dabei, die Wahl nur zu ermöglichen. Das sei ein Signal der Glaubwürdigkeit.

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Klagenfurt - Die blau-rote Kärntner Ehe begann gewissermaßen mit demonstrativer Distanz zur Braut. Dafür meldete sich der schwarze Exverlobte zurück. Eine Dreierbeziehung also, bei der mit Folgen gerechnet werden kann. Jörg Haider wurde am Mittwoch im neu konstituierten Kärntner Landtag mit 20 von 22 abgegebenen Stimmen zum dritten Mal als Landeshauptmann wiedergewählt.

Das angekündigte Auszugsspektakel eines Teils der SPÖ-Abgeordneten, um Haiders Wahl durch die Sicherstellung des Anwesenheitsquorums zu ermöglichen, war gar nicht nötig. Es wurde aber dennoch zelebriert. Denn die ÖVP war im letzten Moment doch noch ins Boot gesprungen und hat Haider mit ihren vier Mandataren aktiv mitgewählt. Unter jenen SPÖ-Abgeordneten, die auszogen, befand sich die später zur Landesrätin wiedergewählte Gabriele Schaunig-Kandut, die dem blau-roten Pakt zunächst kritisch gegenüberstand.

Spargel und Chianti

Die beiden Grünen-Mandatare - sie gratulierten SP-Chef Peter Ambrozy mit Spargel und Chianti - wählten Haider nicht. Sie sehen sich als einzige Opposition im Kärntner Landtag nun einer geballten Mehrheit gegenüber, die auf mehr als 90 Prozent der Wählerstimmen beruht.

Der SPÖ-Neoabgeordnete Gerhard Köfer sieht in der Nichtwahl Haiders kein Placebo für enttäuschte Wähler, "sondern eine Frage der Glaubwürdigkeit". Schließlich habe man ja vorher versprochen, Haider nicht zu wählen. "Dafür hat das ja die ÖVP getan", zeigte sich der neue SPÖ-Klubobmann Karl Markut vom raschen Pakt mit der FPÖ überzeugt: "Die Schwarzen hätten doch alles unterschrieben."

Käntner Lieder für Jörg

Sichtliche Rührung überkommt den alten und neuen Landeshauptmann, als er nach seiner Wahl ins Landtagsfoyer hinaustritt. Dort erwartet ihn ein Männerchor mit seinem Lieblingskärntnerlied: "Aus 'n tiafasten Herzen . . . jauchz i auße, mei Kärnten, lei Dir g'hör i's an". Haider wird von Kameras umringt, slowenische Journalisten wollen wissen, wie es nun in den Beziehungen beider Länder nach dem EU-Beitritt weitergehen werde. Und Haider gibt sich draußen ebenso versöhnlich wie er es später in seiner Regierungserklärung vor dem Plenum tun wird.

Zufriedener Haider

Er zeigte sich zufrieden, dass in Kärnten nun "die Zeit der Konfrontation und Ausgrenzung vorbei" sei "und wir alle von jetzt an für die gemeinsame Zukunft Kärntens arbeiten". In seiner Rede streicht Haider dann neben den arbeitsmarktpolitischen vor allem auch die sozialen Vorhaben für die nächsten fünf Jahre heraus.

Warnung vor "Turbokapitalismus"

Das Land dürfe "nicht vom Turbokapitalismus überrollt werden", Vereinbarkeit von Beruf und Familie, Altwerden zu Hause, Geburtenprämie sowie eine Grundsicherung müssten gewährleistet, 10.000 neue Arbeitsplätze geschaffen werden. "Es sind alle unsere Eckpunkte drin", zeigt sich ein SPÖ-Mitarbeiter begeistert. "Freiheitliche und Sozialdemokraten kann man ja gar nicht mehr unterscheiden", murmelt ein anderer Zuhörer.

SPÖ-Chef und Koalitionspartner Peter Ambrozy tritt im Anschluss an Haider ans Rednerpult und verteidigt den Pakt mit der FPÖ. Kärntens Parteien trenne vieles, "aber die Menschen, die dahinter stehen, haben eine gemeinsame Zukunft".

Als schließlich die neue Regierungsmannschaft lächelnd für das gemeinsame Foto posiert, freut sich ein Zuschauer auf der Tribüne ganz besonders. Rudolf Gallob, ehemaliger SPÖ-Landesrat und Weggefährte von Altlandeshauptmann Leopold Wagner.

Es sei gut, was hier passiere, meint er. Parteiinterne Irritationen über das neue Kärntner blau-rote Farbenspiel gäbe es nur in Wien. "Weil dort sind sie ja alle Marxisten. Wir hier in Kärnten sind anders." (Elisabeth Steiner/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 1.4.2004)

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    Herbert Haupt gratuliert dem frischgebackenen Landeshauptmann

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