"Kenntnisse nicht richtig ausgewertet"

5. April 2004, 12:06
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Der 1933 emigrierte US-Historiker Friedrich Katz im Interview über die Rolle der Wissenschaft im Zeitalter des Terrors

STANDARD: Sie wurden nun mit dem "Goldenen Doktordiplom" der Uni Wien ausgezeichnet. Was bedeutet das für Sie?

Katz: Eine große Genugtuung. Es freut mich, die Anerkennung von meinem Geburtsland zu erhalten sowie von der Universität, an der ich promoviert habe. Es ist auch Zeichen dafür, dass in Österreich das Interesse an und die Kenntnisse über Lateinamerika enorm gewachsen sind. Als ich hier in den 50er-Jahren studierte, war das Interesse fast null.

STANDARD: Anders in den USA, wo Sie seit mehr als 30 Jahren leben. Spüren Sie als Leiter des Zentrums für Mexikoforschung an der Uni von Chicago den Druck seitens der Bush-Regierung auf die Wissenschaften?

Katz: An meiner Universität und in meiner Disziplin gibt es keine Einschränkungen. In der Biologie aber sind die konservativen, ideologischen Betrachtungen der Bush-Regierung sehr wohl präsent. Kann die Regierung auch nicht direkt intervenieren, weil die Unis entweder privat sind oder dem jeweiligen Bundesstaat unterstehen, übt sie doch über finanzielle Mittel, die sie zur Verfügung stellt oder nicht, enorm viel Einfluss aus.

STANDARD: Welche Rolle spielt die Wissenschaft im Zeitalter des globalen Terrorismus?

Katz: Eine sehr bedeutende. Viele Wissenschafter haben beispielsweise die Lage im Irak weit komplizierter gesehen als die Bush-Regierung. Das Heranziehen von Wissenschaftern hätte sicher eine andere Entwicklung ermöglicht. Die Kenntnisse über die Konfliktländer und über die Widersprüche wären von großer Hilfe, sie sind auch vorhanden. In den USA gibt es ja zahlreiche Nahost-Experten. Aber diese Kenntnisse wurden nicht richtig ausgewertet. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 30. 3. 2004)

ZUR PERSON:
Friedrich Katz, 1927 als Sohn des jüdischen Journalisten und Autors Leo Katz in Wien geboren, flüchtete 1933 nach Mexiko. Katz promovierte 1954 in Wien. Seit 1970 lebt der Historiker in den USA, leitet das Zentrum für Mexikoforschung an der Chicago University.

Das Interview führte Erika Müller
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