Kopf des Tages: Tiefer Fall für einen vielfachen Porschefahrer

9. April 2004, 15:39
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Mit Michael und Ralph in der Formel 1 verbinden Ulrich Schumacher nicht Familienbande, aber Geschwindigkeit, Ehrgeiz und Disziplin - Von Luise Ungerboeck

"Grob instinktlos", "Selbstbedienungsmentalität", "vaterlandsloser Geselle": In der Aktionärsversammlung im Jänner musste sich Infineon-Chef Ulrich Schumacher wüst beschimpfen lassen. Die Aktionäre waren aufgebracht. Europas zweitgrößter Chiphersteller schrieb neun Quartale in Folge Verluste, und die Chefetage genehmigte sich ein üppiges Bonussystem, dessen Leistungsanreiz mit einem fünfprozentigen Kursanstieg binnen sechs Jahren als wenig ehrgeizig gelten muss.

Zusammen mit dem Streit über die Konzernstrategie und einer von Schumacher provozierten Debatte über eine (steuerschonende) Verlegung des Firmensitzes von München in die Schweiz wurde die Kritik am sprunghaften Führungsstil zum Schleudersitz für den Elektrotechniker, der am Donnerstag 47 Jahre alt wird. Vorige Woche aktivierte ihn der Aufsichtsrat, der ständig heiß laufende Schumacher wurde "geerdet".

Im Prinzip hätte er das alles gar nicht nötig gehabt. "Der Mann geht nicht wegen des Geldes arbeiten", lästerte man bei Siemens, als der Spross einer rheinländischen Unternehmerfamilie 1986 mit dem Porsche seiner Mutter vorfuhr und die ersten Karrierestufen beim damals noch beschaulichen Elektromulti nahm.

Zwölf Jahre brauchte Schumacher, um 1998 im Alter von 39 Jahren in den Zentralvorstand der Siemens AG vorzupreschen. So eilig hatte es keiner vor ihm. So wenig Respekt auch nicht. Schumacher sprach schonungslos aus, was andere nicht einmal zu denken wagten. Er traf verwegene Entscheidungen und sicherte sich - damals noch "Kronprinz" von Konzernchef Heinrich von Pierer - nachhaltiges Misstrauen in der "Bank mit angeschlossenem Elektroladen", wie die "wilden Jungen" Siemens frech titulierten.

Als die Gewinn bringende, aber extrem konjunkturanfällige Chipsparte 1999 abgespalten wurde, war klar, dass "Halbleiter" Schumacher im Vorstandssessel des auf den Kunstnamen Infineon getauften Spin-offs sitzen wird.

Im Jahr darauf, am Höhepunkt des New-Economy-Hypes, folgte der Börsengang, Schumachers Meisterstück: 33fach überzeichnet, kletterte der Aktienkurs des auf Speicher-, Handy- und Autoelektronikchips spezialisierten Konzerns von 35 auf 90 Euro.

Am Tag der Erstnotiz fährt der Hobbyrennfahrer in einem Porsche vor, lässt sich feiern wie sein Namensvetter am Nürburgring. Ein Schumacher im Rennanzug, das verpflichtet. Mit Michael und Ralph in der Formel 1 verbinden Ulrich nicht Familienbande, aber Geschwindigkeit, Ehrgeiz und Disziplin.

Zwölf Porsches sollen vor seiner Villa am Starnberger See bei München stehen. Mit denen kann Schumacher nun größere Runden drehen als bisher, wo er weit mehr Zeit in Flugzeugen als mit seinen drei Kindern verbrachte. (DER STANDARD, Printausgabe, 29.3.2004)

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    Ex-Infineon-Chef Ulrich Schumacher hat sich viele Feinde gemacht

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