Der Diplomat und das Londoner Derby

7. April 2004, 14:56
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John MacGregor, Extremradfahrer und britischer Botschafter in Österreich: "Kwasniewski hat sogar einen Schal"

Wien - Am Abend des UCL-Viertelfinal-Hinspiels Chelsea gegen Arsenal herrschen in Wien britische Verhältnisse. Draußen regnet es Schusterbuben, durch die hölzerne Eingangstür des STANDARD-Foyers frisst sich gnadenlos die Kälte. Wir erwarten einen gestandenen Diplomaten. Wir erwarten John MacGregor, Jahrgang 1946, Botschafter des Vereinigten Königreichs von Großbritannien und Nordirland. Zehn Minuten vor Anpfiff betritt ein knallroter Ganzkörper-Regenanzug den Raum. Der Regenanzug ist 1,90 groß, unter der Kapuze lugt ein freundlich-kritischer Blick hervor. Unterm Arm trägt er ein Fahrrad: "Isch bin dör brütische Botschafter. Kann isch hier ürgendwo mein Rad abstellen?" John MacGregor legt ab, greift sich eine Dose Caffreys-Bier und eine Hand voll Salt-&-Vinegar-Chips. An der Stamford Bridge nehmen die Spieler Aufstellung, MacGregor gibt seine Präferenzen bekannt: "Arsenal. Sie können noch die Meisterschaft, den FA-Cup und die Champions League holen. Das wäre doch nett."

Dann doziert er über die Geschichte Arsenals, das so heißt, weil sich dort, wo heute das Highbury-Stadion steht, früher Munitionslager der Armee befanden. Wir hören und staunen. Die Kurzbeschreibung seiner Person auf der Homepage der Botschaft berichtet von Hobbys wie Wandern, Orgelspielen und Basteln. Von Fußball steht da nichts. Woher weiß der Mann das alles?

"Ich kannte die Russen schon, als sie noch kein Geld hatten"

Des Rätsels Lösung ruht auf seinen Oberschenkeln. Es hat das Format DIN-A4 und ist großflächig in wilder Handschrift beschrieben. Herr Botschafter hat einen Spickzettel. Der Sohn, "ein glühender Anhänger von Southampton", hat ihn vor dem Besuch bei uns gebrieft. In London zelebrieren beide Abwehrreihen die hohe Kunst des Defensivspiels. MacGregor, der als Botschafter auch schon in Warschau diente, outet derweil Polens Präsidenten als Arsenal-Fan. "Kwasniewski hat sogar einen Schal." Was er von Roman Abramowitsch, dem russischen Ölmaganaten und Chelsea-Sponsor, hält? "Ich habe nichts gegen reiche Russen, die in Großbritannien investieren, die sind okay. Ich kannte die Russen schon, als sie noch kein Geld hatten", sagt MacGregor. Halbzeit.

Außenpolitikchefin Gudrun Harrer schaut auf einen Sprung und ein Glas Wein vorbei. Man plaudert über das Königreich, den Sudan und die Weltenläufe im Allgemeinen. In Hälfte zwei scheint Chelsea entschlossen, den Heimvorteil auszunützen. In der 53. Minute erzielt Gudjohnsen das 1:0. MacGregor zeigt kein Erbarmen mit Jens Lehmann: "Eindeutig ein Torwartfehler." Sechs Minuten später köpfelt Pires zum Ausgleich ein. MacGregor ist begeistert: "Uuuh! Oooh! Aaah! Was für eine Kombination! Fantastisch! Einfach fantastisch!" Mit dem Ausgleich beruhigt sich das Spiel wieder, auch der Ausschluss Desaillys (83., MacGregor: "Berechtigt. Ein böses Foul") ändert nichts mehr am Ergebnis. "Es ist in Ordnung", sagt der Botschafter.

Schlusspfiff an der Stamford Bridge. John MacGregor dankt, verabschiedet sich und wird wieder zum Regenanzug. (DER STANDARD, Printausgabe, Freitag, 26. März 2004)

Von Klaus Stimeder
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