Unterirdische Meisterleistung

19. April 2004, 09:26
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Die Verlängerung der U2 soll bis 2009 fertiggestellt sein. Doch die 12,5 Kilometer lange Strecke verlangt den Tunnelbauexperten den Einsatz aller technischen Tricks ab, um termingerecht zu eröffnen.

Wahre Superlative lassen sich am besten durch ein beeindruckendes Zahlenwerk demonstrieren. Und davon hat der Bau der neuen U2-Strecke mehr als genug zu bieten: Bis 2009 wird die U2 vom Schottentor bis nach „Transdanubien“ – genauer gesagt nach Aspern – verlängert. Gewaltige 1,2 Milliarden Euro werden in die 12,5 Kilometer lange Highspeedstrecke inklusive 17 Stationen investiert, auf der die Wiener innerhalb von 17 Minuten vom Schottentor stress- und staufrei bis zum Donauspital chauffiert werden.

Problem Grundwasser

Bis es aber so weit ist, müssen für den Bau der Tunnel einige technische Hürden genommen werden. Vor allem der größte Behinderer des Wiener U-Bahn-Baus, das Grundwasser, stellt die heimischen Tunnelbauexperten vor komplexe Herausforderungen. Bestes Beispiel: Unterhalb der Leopoldstadt findet auf einer Strecke von 1,4 Kilometern in den nächsten zwei Jahren Europas größte Grundwasserabsenkung statt.

270 Brunnenschächte

Um insgesamt 97 Häuser unterirdisch zu durchqueren, werden „Wasserspiele“ der besonderen Art initiiert. 270 Brunnenschächte wurden gebaut, in denen 260 Pumpen ununterbrochen auf Hochtouren laufen. „Auf der 12,5 Kilometer langen Strecke der neuen U2 werden insgesamt fünf verschiedene Bauarten angewendet“, erläutert Gerhard Schöft, Abteilungsleiter der U-Bahn-Planung bei den Wiener Linien, den enormen technischen Aufwand.

Station unter dem Donaukanal

Für Technikfreaks ein wahres Gustostückerl ist der Bau der 120 Meter langen U-Bahn- Station Schottentor. Direkt unter dem Donaukanal wird die neue Station entstehen. Um trotz der großen Grundwassermengen den Tunnelbau risikolos durchführen zu können, wird hier – bildlich gesprochen – ein riesiges Kühl-haus gebaut. Flüssiger Stickstoff wird den Boden auf minus 192 Grad Celsius abkühlen und veröden, um so das Risiko eines Grundwassereinbruchs beim Tunnelbau zu vermeiden. Schöft: „Der Stickstoff wird in Lanzen durch den Boden transportiert. Das Ganze muss man sich als Kreislauf vorstellen. Man muss dem Boden ständig Kälte zuführen, denn der Grundwasserstrom taut ihn laufend von außen wieder auf“, erklärt er die Methode. Mit dieser cleveren Technik wird der Boden je nach Beschaffenheit auf minus 30 bis 50 Grad gehalten.

Zementinjektion

"Der Tunnel wird unter dem Heustadelwasser und unter der Kläranlage Simmering durchführen. Um den Boden so zu verfestigen, dass bei der Kläranlage keine Absenkungen entstehen, bekommt das Erdreich mit Hochdruck Zementinjektionen", plaudert Gerhard Schöft ein weiteres technisches Schmankerl aus. Bei dieser Aushöhlmethode wird der Boden von einem Schild quasi ausgeschält. In der wasserreichen Wiener Erde wird mit einem so genannten Hydroschild „gebuddelt“. Ein solcher Schild besteht aus einer Tauchwand, hinter der eine Druckblase liegt, die ihrerseits durch eine Stützflüssigkeit aus Bentonit gesteuert wird. Damit kann man den Tunnelinnenraum frei von Druckluft halten.

Grundstück bis zum Erdmittelpunkt

Warum moderne Highspeedmethoden nicht generell angewendet werden können, hat einige technische Gründe, vor allem aber auch eine skurrile Ursache: Jeder Grundeigentümer in Wien besitzt sein Grundstück bis zum Erdmittelpunkt. So kommt es nicht selten zu rechtlichen Streitereien um die Höhe der Ablösesumme. Eine schnelle Maulwurftechnik würde zu häufigen Baustopps führen. Mit der langsameren NÖT kann man, bis alle Rechtsangelegenheiten auch wirklich geklärt sind, im Puzzlesystem den Tunnel bauen. Eben eine typisch österreichische Lösung. (hi!tech, Ausgabe 1/2004)

  • In fünf Jahren wird die U2 vom Karlsplatz bis nach Aspern fahren. Die erste Ausbaustufe muss schon 2008 anlässlich der Fußball-EM fertig sein.

    In fünf Jahren wird die U2 vom Karlsplatz bis nach Aspern fahren. Die erste Ausbaustufe muss schon 2008 anlässlich der Fußball-EM fertig sein.

  • Besonders schnell kann der Tunnel mit dem Schildvortrieb gebaut werden. Spitzenleistungen von zwanzig Metern pro Tag sind möglich.

    Besonders schnell kann der Tunnel mit dem Schildvortrieb gebaut werden. Spitzenleistungen von zwanzig Metern pro Tag sind möglich.

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