Auslandsstudium als Arbeitsmarktkatalysator

1. Juni 2004, 12:11
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120 chinesische StudentInnen hoffen durch ihr Studium an der Uni in Klagenfurt die Jobchancen in ihrer Heimat zu erhöhen

Vor zwei Jahren haben sie erstmals die Universität Klagenfurt entdeckt, inzwischen gehören sie zum Alltagsbild der südlichen Alma Mater: 120 junge Chinesinnen und Chinesen. Obwohl das Studium für sie gratis ist, nehmen ihre Eltern oft beträchtliche finanzielle Opfer auf sich, damit ihr Nachwuchs bestmögliche Chancen am künftigen Arbeitsmarkt in China hat.

Denn dort haben sich zahlreiche namhafte Konzerne aus Deutschland und Österreich niedergelassen, etwa Siemens, VW, DaimlerChrysler, BMW und der Grazer Motorenbauer List. Viele junge Leute aus China verfügen über ein Teilstudium oder eine spezifische Schulbildung (etwa Tourismuswirtschaft) und haben in ihrem Heimatland Englisch als Fremdsprache gelernt, kaum jedoch Deutsch. Der Aufenthalt in Österreich beginnt daher neben der Wohnungssuche mit Deutschkursen des universitären Vereins "Deutsch in Österreich", wo man sich natürlich über die stärkere Nachfrage freut. Doch die LektorInnen der Grundkurse kamen mitunter ins Schwitzen, besonders wenn Studierende Russisch und nicht Englisch als Fremdsprache gelernt haben; da ging es mitunter nicht ohne Dolmetscher. 26 haben bereits das für ein ordentliches Studium notwendige Sprachniveau erreicht, die anderen wollen es bis zum Herbst schaffen.

BWL und Informatik

Die meisten entscheiden sich für die Studienrichtungen Angewandte Betriebswirtschaft und Informatik. "Wir begrüßen diesen Zuspruch und versuchen auch, die chinesischen Studierenden so gut wie möglich zu integrieren", sagt Rektor Günther Hödl.

Yachuan C. hat sich für ein Betriebswirtschaftsstudium in Österreich entschieden, weil sie hier umfassende Kenntnisse über Wirtschaftstheorien erwerben möchte. Mit der gleichen Studienwahl will Yang Y. seine Chancen am umkämpften chinesischen Arbeitsmarkt erhöhen; dafür haben seine Eltern sogar einen hohen Kredit aufgenommen.

Meng W., der in China drei Jahre lang Bauingenieurwesen studiert hat, will in Klagenfurt Informatik absolvieren und erst nach einigen Jahren Auslandserfahrung (etwa in den USA) nach China zurückkehren. Nayi C. hat in Peking bereits als Englischlehrerin gearbeitet; sie will Deutsch als zweite Fremdsprache lernen, danach Pädagogik studieren (finanziert durch ihre Schwester) und dann in ihrer Heimat wieder Englisch unterrichten.

Kulturunterschiede

Mit welchen Problemen werden sie konfrontiert? Etwa mit Unhöflichkeit und ausländerfeindlichen Bemerkungen im Supermarkt. Nayi: "Eine ältere Frau sagte: Sie sind Chinesin, warum gehen Sie nicht nach China?", und sie erklärt die Ablehnung damit, dass die Österreicher Angst um ihre Arbeitsplätze hätten. Yachuan erzählt: "Während einer nächtlichen Busfahrt haben sich einige Jugendliche plötzlich umgedreht und uns ihr Hinterteil entgegengestreckt." Die jungen Leute aus China würden auch gerne ein bisschen Geld dazuverdienen, doch sei es ihnen hier (im Gegensatz zu Deutschland) gesetzlich verboten.

Auf die Frage nach dem größten Kulturunterschied, der ihnen aufgefallen ist, sagt Yang: "Hier werden Hunde mitunter behandelt wie Menschen. Bei uns essen wir Hunde in Restaurants." Um Missverständnisse vorzubeugen: Auch in China verspeist man nicht die eigenen Haustiere.

In Großstädten wie Peking sind Hunde als Haustiere jedoch selten, da sich nur wenige die teure Hundesteuer leisten können. Nayi ist aufgefallen, dass hierzulande viele Menschen an Gott glauben; und alle vier sind angenehm überrascht darüber, dass Diebstähle an der Uni Klagenfurt selten sind. (Josef Schneeweiß, DER STANDARD, Printausgabe, 20./21.3.2004)

  • Günther Hödl, Rektor der Universität Klagenfurt (Bildmitte): "Wir versuchen, unsere 120 chinesischen Studierenden so gut wie möglich zu integrieren."
    foto: josef schneeweiss

    Günther Hödl, Rektor der Universität Klagenfurt (Bildmitte): "Wir versuchen, unsere 120 chinesischen Studierenden so gut wie möglich zu integrieren."

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