Ein Mausklick für die Charts – und einer fürs Gefängnis

3. April 2004, 10:11
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"The Grey Album" treibt gerade die Download-Debatte auf die Spitze

Abgesehen davon, dass hier offensichtlich das beste Beatles-Album seit 34 Jahren veröffentlicht worden ist, ohne legal als Album vorzuliegen: Wenn ein 26-jähriger DJ aus Los Angeles sich im Alleingang an der Musik der Fab Four aus Liverpool vergreift, dann ist das wegen der wie Fort Knox geschützten Copyrights der Songs von John, Paul, George und Ringo laut dem britischen New Musical Express ungefähr so, als ob man Ziegelsteine ins Fenster der härtesten und gemeinsten Drogenbande der ganzen Nachbarschaft wirft. Möglicherweise erwachsen aus einer solchen Aktion Probleme.

Danger Mouse

Brian Burton alias Danger Mouse war bis vor einem Monat ein völlig unbekannter DJ und HipHop-Produzent. Spätestens aber als der junge Mann daheim beim Hören des „Weißen Albums“ der Beatles, The Beatles aus 1968, zufällig beim Hausputz das im November 2003 veröffentlichte The Black Album herumliegen sah, das Abschiedswerk des New Yorker HipHop-Moguls Jay-Z, der die Musik Richtung Hollywood verlassen will, hatte Burton eine Vision.

The Grey Album sollte die beiden Werke zusammenführen. Hier die wuchtigen Raps von Jay-Zs Black Album und dort ausschließlich Samples vom White Album der Beatles.

3000 Stück

Nur 3000 Stück ließ Danger Mouse pressen und verteilte sie gratis an Freunde und Discjockeys. Erst als einzelne Exemplare in Internet-Auktionshäusern für bis zu 300 Euro angeboten wurden, begann EMI Music, die Plattenfirma der Beatles, massiv Klagedrohungen zu versenden.

Download-Hysterie

Spätestens als das Album in US-Medien wie dem Rolling Stone oder der New York Times bejubelt wurde und Danger Mouse in Panik alle noch verfügbaren Exemplare des Albums einstampfen ließ, brach am 24. Februar im Internet die Download-Hysterie los. Begleitet von auf den Plan gerufenen, für die uneingeschränkte Freiheit des Mediums kämpfenden Organisationen wie Grey Tuesday oder Illegal Art stellten weltweit geschätzte 300 Homepages The Grey Album zum kostenlosen Download für 24 Stunden ins Netz. Oder so lange, bis E-Mails von der EMI kamen, die jedem einzelnen Downloader eine Strafe von jeweils gut 150.000 Euro androhten.

Klagenhagel

Auch die Medien wurden dringend davor gewarnt, „Werbung“ für die diversen The Grey Album zur Verfügung stellenden Homepages zu machen. Dennoch wurden mehr als eine Million Tracks allein am ersten Tag heruntergeladen und sehr wahrscheinlich am CD-Brenner fröhlich weiterkopiert. Das würde im legalen Fall die Nummer eins in der US-Hitparade bedeuten, noch vor Superstars wie Norah Jones oder Outkast.

I fought the law?

Ob hier jetzt tatsächlich ein Gesetzesbruch vorliegt, wird allerdings erst in den nächsten Monaten geklärt werden können. Zu kompliziert sind die unterschiedlichen und vor allem auch unterschiedlich lange geltenden Copyright-Gesetze in den USA (50 Jahre Urheberschutz für einen Song) und Europa (30 Jahre).

Immerhin ist hier nicht nur die britische EMI als Besitzer der Originalbänder der Beatles involviert, sondern auch der Michael Jackson und Sony gemeinsam gehörende Sony/ ATV-Musikverlag in den USA, der die Songrechte von John Lennon und Paul McCartney hält. Außerdem ist derzeit unklar, wer eigentlich die Songrechte des 2001 gestorbenen George Harrison hält.

Lukrativ

Paul McCartney hüllt sich in Schweigen. Nur Jay-Z, der jetzt für weitere Fremdbearbeitungen eine A-capella- Version von The Black Album veröffentlichen wird, fühlt sich geehrt. Zyniker wittern ohnehin schon den Duft von sehr viel Geld. Eine legale Veröffentlichung des Grey Album im Laufe des Jahres wäre für alle Beteiligten sehr lukrativ. (Christian Schachinger, DER STANDARD Printausgabe, 25. März 2004)

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