Das Hisbollah-Trauma

1. April 2004, 18:40
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Israel will vor dem Gaza-Abzug die Hamas schwächen - besiegen kann es sie nicht - von Gudrun Harrer

Die Diskussion darüber, ob die "Liquidation" von Scheich Ahmed Yassin durch die israelische Armee im Endeffekt mehr israelische Menschenleben kosten als retten wird, ist leider müßig. Nichts kann die Überzeugung derjenigen brechen, die meinen, dass man es mit einem Gegner zu tun hat, der ohnehin durch nichts mehr zu radikalisieren ist: Da helfe nur ein mit allen Mitteln - auch mit den von beinahe der gesamten internationalen Gemeinschaft als "extralegal" verurteilten - geführter Krieg. Anschläge, die auf die Tötung des Hamas-Führers folgen werden, können so in einen anderen Kontext gestellt werden, nicht Konsequenz, sondern Ursache.

Wie viele Menschen nicht getötet werden würden, kann man hingegen nicht absehen, oder anders: Durch israelische Maßnahmen gestoppte Attentäter kann man zählen, nicht aber jene, die sich bei einer anderen Politik nie auf den Weg gemacht hätten. Nach der Logik derer, die Montag früh Yassin abschossen, gibt es sie ohnehin nicht. Was man kurz nach den Anschlägen in Ashdod, die noch weit katastrophaler ausgehen hätten können, emotional auch wieder verstehen kann.

Und doch ist der gewalt^same Tod Yassins - auf den es die israelische Armee im vergangenen Herbst schon einmal abgesehen hatte - momentan eher in einem anderen Zusammenhang zu sehen: in dem der Pläne der Regierung von Ariel Sharon, sich aus dem Gaza-Streifen oder zumindest aus großen Teilen davon zurückzuziehen. An dieser Absicht brechen sich die üblichen Fronten in Israel: Von etlichen Kritikern Sharons wird sie prinzipiell als richtig gesehen, von etlichen Partei- und Gesinnungsgenossen wird Sharon vorgeworfen, der den Gaza-Streifen kontrollierenden Hamas damit einen Sieg zu verschaffen, und zwar einen durch Terrorismus erreichten.

Und genau deshalb ist jetzt gerade eine israelische Demonstration der Stärke im Gaza-Streifen angesagt, bei der die eine Botschaft im Mittelpunkt steht: Wenn wir gehen, gehen wir nicht aus Schwäche. Es ist dies auch die Bearbeitung des Traumas, das sich die israelische Armee beim Verlassen des Südlibanon im Mai 2000 eingehandelt hat. Der Gedanken liegt ja tatsächlich nahe, dass der - noch dazu, obwohl geplante, doch irgendwie chaotisch, überstürzt wirkende - israelische Abzug damals die Palästinenser erst so richtig auf die Idee der zweiten Intifada gebracht hatte: Hatte da nicht Israel vor dem schlechtbewaffneten Haufen der Hisbollah-Guerilla kapituliert?

Und nun wird sich die Hamas den israelischen Abzug auf die Fahnen heften, aber wenn es so weit ist, soll sie, nach dem Willen Israels, wenigstens im schlechtestmöglichen Zustand sein. Hoffnungen allerdings, sie durch Aktionen wie die Ermordung Yassins zu besiegen, wird sich Israel realistischerweise jedoch keine machen können. "Wir sind alle Yassin", dieser Slogan ging am Montag um in Gaza. Mit einem Wort, eine weitere Gefahr für den Fall des unilateralen, nicht mit der Palästinenserbehörde organisierten Rückzugs ist nicht nur nicht gebannt, sondern wird immer stärker: die Gründung eines Hamas-Staates auf dem Territorium des Gaza-Streifens nach dem Abzug der israelischen Truppen.

Völlig unbemerkt von der Weltöffentlichkeit hat es zuletzt im Gaza-Streifen zaghafte Versuche von Sicherheitskräften der Palästinensischen Autonomiebehörde gegeben, gegen Extremisten vorzugehen: eine aussichtslose Sache, sie haben im Gaza-Streifen nichts zu melden. Israel, das an der Demontage der Palästinenserbehörde kräftig mitgearbeitet hat, wird also mit der Hamas in Gaza leben müssen.

Das mag auch möglich sein - doch nur schwer ohne Hilfe Ägyptens, das eine wichtige Sicherungsrolle an der Grenze übernehmen sollte. Eine der ersten Folgen der israelischen Aktion von Montag war, dass eine hochrangige ägyptische Delegation, die in wenigen Tagen zur 25-Jahr-Feier des israelisch-ägyptischen Friedensvertrags nach Israel fahren sollte, ihren Besuch abgesagt hat. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 23.3.2004)

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