Die Organisationskrise

28. Juli 2004, 12:15
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Wie ein Mann mit Rückenschmerzen ein Patient wird, der zahlreiche Stationen ärztlicher Behandlung durchläuft, ohne dass er sich am Ende besser fühlt.

"Noch nie war die medizinische Versorgung so teuer wie heute - und dabei so ineffektiv. Es besteht ein eklatantes Missverhältnis zwischen Kosten und Nutzen. Ob Arzt oder Patient, jeder möchte den größtmöglichen Nutzen ziehen, der eine als Gegenleistung für seine Arbeit, der andere für seinen monatlich entrichteten Krankenkassenbeitrag. Keinem wird bewusst, dass er sich dadurch zum Sklaven eines unüberschaubar vernetzten Systems macht und die eigenen Bedingungen immer weiter verschlechtert." Treffender als der Arzt Edgar Berbuer kann man die Systemkrise nicht beschreiben.

Er hat dafür auch plastische Beispiele: etwa einen Patienten mit Rückenschmerzen, Angestellter, 45 Jahre, ungerechter und jähzorniger Vorgesetzter, Streit mit der Ehefrau, die sehr auf ihr Äußeres bedacht ist. Seine Rückenschmerzen ergeben bei der klinischen Untersuchung keinen wesentlichen pathologischen Befund. Er hat keine ausstrahlenden Nervenschmerzen. Der Patient wünscht schließlich eine Überweisung zum Orthopäden. Dieser findet bei der klinischen Untersuchung ebenso wenig, führt aber eine Röntgenuntersuchung der gesamten Wirbelsäule durch. Es finden sich kleine Randzacken am vierten und fünften Lendenwirbel, die, so wird dem Patienten mitgeteilt, möglicherweise Zeichen eines Bandscheibenverschleißes in diesem Bereich sind.

Außerdem stellt der Orthopäde fest, dass die Gegend der Niere etwas druckschmerzhaft ist und empfiehlt das Aufsuchen eines Urologen. Spätestens jetzt beginnt die verhängnisvolle Lawine. Die Veränderungen an der Wirbelsäule sind eigentlich alterstypisch und sicherlich nicht der Grund für die Beschwerden. Der Patient hat jetzt aber ein Töpfchen, in das er seine Krankheit hineintun kann - den "Bandscheibenschaden".

Überweisung zum Urologen

Es folgt die Überweisung zum Urologen, es wird sonographiert, die Nieren mit Kontrastmitteln geröntgt, die Blase gespiegelt, eine Vorsorgeuntersuchung gemacht. Es finden sich Veränderungen im Nierenbecken, die möglicherweise auf eine früher durchgemachte Nierenbeckenentzündung hinweisen, und eine minimal vergrößerte Prostata. Somit sind wieder zwei Erkrankungen dazugekommen, beide natürlich kontrollbedürftig, Wiedervorstellung in einem halben Jahr.

Empfohlen wird noch eine Blutuntersuchung und der Ausschluss einer Zuckerkrankheit. Der nächste Schritt geht zum Internisten, der eine Erhöhung der Blutfettwerte findet, die mit Medikamenten behandelt wird.

Das Resultat nach einigen Wochen: Bandscheibenschaden, eine kranke Niere, vergrößerte Prostata, erhöhte Blutfettwerte. Der Patient hat als Folge das Bewusstsein des drohenden Herzinfarktes und der wohl bald versiegenden Potenz. Die Therapie: einmal täglich eine Tablette für die Prostata, zweimal täglich eine Tablette für die Blutfettwerte. Aber die Rückenschmerzen sind nach wie vor vorhanden, der Chef weiterhin jähzornig, die Ehefrau unzufrieden.

Diagnose am Fließband

Ein Fall von Hunderttausenden. Der Medizinbetrieb etikettiert Beschwerden am Fließband und führt sie teuren Diagnose- und Behandlungspfaden zu, ohne nach den Ursachen zu fragen oder sie gar beeinflussen zu wollen. Das Leiden des Gesundheitswesens gleicht der Krankheit von Krebszellen, die aggressiv wachsen und explosiv metastasieren. Die Gesundheitspolitik hat diese "Krebszellenökonomie" zugelassen, ja begünstigt und auf vielerlei Art sogar erzwungen.

Die Verhaltensweisen einzelner Institutionen oder Organisationen im Gesundheitssystem stehen im Widerspruch zur Gesamtaufgabe.

Jeder versucht unter Inanspruchnahme der Systemressourcen möglichst unkontrolliert zu wachsen und Sieger zu bleiben im Kampf gegen die, die in der Nachbarschaft wirken und gleichermaßen auf Ressourcenaneignung aus sind. Gesamtnutzen im Gesundheitswesen und lukratives Verhalten für ein Krankenhaus, eine Arztpraxis oder eine Krankenkasse stimmen nicht überein. Das ökonomische Verhalten im Gesamtunternehmen "Gesundheit" ist mit dem betriebswirtschaftlichen Nutzen für ein Subsystem nach der derzeitigen Abrechnungslogik nicht vereinbar. In einem produzierenden Betrieb der Dienstleistungswirtschaft außerhalb des Medizinbetriebes wird eine solche Diskrepanz zwischen Unternehmenszielen und dem Aktionismus einzelner Betriebsteile als Managementversagen begriffen. Im Unternehmen Gesundheit fehlt solches Wissen und Erkennen, Managementversagen ist die Regel.

Die Zweiteilung des Systems - hier die Kliniken, da der niedergelassene Bereich - begünstigt und provoziert die Entwicklung zusätzlich. Die Kliniken werden separat aus Steuermitteln finanziert, die Kassen leisten dazu nur einen kleinen Beitrag - was Gesundheitspolitik oder Planung fast unmöglich macht. Die Konsequenz: Kassen versuchen, möglichst viele Probleme an die Kliniken zu delegieren.

Länder und Gemeinden wiederum sehen Kliniken als Prestigeobjekte und decken die Defizite nach wie vor einfach ab. Die Regierung versucht aus plump ideologischen Gründen den Kassen noch mehr Gestaltungsmöglichkeit zu nehmen, statt ihre Entwicklung zu modernen Dienstleistungsunternehmen zu fördern. (Kurt Langbein, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 22.03.2004)

Im heutigen Teil der Gesundheitsserie geht es um hohe Kosten der medizinischen Versorgung bei geringer Effizienz. Auszüge aus: Ellis Huber, Kurt Langbein: Die Gesundheits- revolution, © Aufbau Verlag, Berlin. 300 Seiten, € 17,40, erscheint dieser Tage.
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