Kopf des Tages: Miklós Haraszti, Ungarns Symbolfigur für das freie Wort

2. April 2004, 14:37
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Neuer Repräsentant für Medienfreiheit in der OSZE

Eine "Symbolfigur der demokratischen Opposition" Ungarns in der KP-Ära nennt die Budapester Zeitung den Schriftsteller Miklós Haraszti. Seit Wochenbeginn amtiert er als Nachfolger des Deutschen Freimut Duve als Medienbeauftragter der OSZE in Wien.

Weil Duve in ehemals sowjetischen Staaten wie Turkmenistan "bösartige Angriffe auf die Medienfreiheit" anprangerte und auch in "Ber-lusconistan" mehr "als nur eine Nervensäge" (Die Zeit) war, wurde erwartet, dass sich die 55 OSZE-Staaten auf einen sanfteren Nachfolger einigen würden. Doch nach zähen Verhandlungen fiel die Wahl auf einen, der das Eintreten für Medienfreiheit als seine Lebensaufgabe betrachtet.

1945 als Sohn von geflüchteten ungarischen Eltern in Jerusalem geboren, kam er mit ihnen 1948 nach Budapest. In den 60er-Jahren schloss sich der Literatur- und Philosophiestudent der "antiautoritären Linken" an, die gegen das KP-Regime, aber auch gegen den Vietnamkrieg protestierte.

Das Ende des Prager Frühlings 1968 "zeigte uns, dass das System nicht reformierbar ist", sagt Haraszti. Freiheit und Demokratie war nun das Ziel. Anfang der 70er-Jahre arbeitete er, von der Uni relegiert, in einer Traktorfabrik und schrieb über die Realität im "Arbeiterstaat" das Buch "Stücklohn". Hans Magnus Enzensberger schmuggelte es in den Westen, wo es - auf Deutsch mit einem Vorwort von Heinrich Böll - in insgesamt 15 Ländern erschien.

Daheim kam Haraszti wegen Agitation gegen den Staat vor Gericht. Nach einem Hungerstreik gestattete man ihm, sich selbst öffentlich zu verteidigen. Er wurde zu einer bedingten Haftstrafe verurteilt.

1976 sagten die KP-Regime im Helsinki-Prozess, dem Vorläufer der OSZE, auf dem Papier die Bürgerrechte zu; die neue Untergrundpresse stellte mit Witz die Machthaber bloß. Haraszti ging für drei Jahre in den Westen und begründete nach seiner Rückkehr Beszelö, die Zeitschrift der demokratischen Opposition, mit.

Im Wendejahr Jahr 1989 saß er mit am runden Tisch, um den Machthabern die Medienfreiheit abzuringen. Nach der Wende ging er (bis 1994) für die Linksliberalen (SZDSZ) ins Parlament. Dort verhandelte er endlos um ein neues Mediengesetz, das bei der Abstimmung dennoch durchfiel. Haraszti verließ die Politik und nahm an US-Universitäten Gastprofessuren für Demokratisierungsfragen an.

Von 2002 bis jetzt war der in zweiter Ehe mit der Psychologin Antónia Szenthe verheiratete Vater zwei Töchter auch im Kuratorium von Ungarns öffentlich-rechtlichem Fernsehen. Nun will er daran arbeiten, dass im öffentlichen Rundfunk die Vertretung politischer Gruppen (nach deutschem und österreichischen Vorbild) nur die "erste Phase der Demokratisierung" ist und sich Parteien überall ganz aus den Medien zurückziehen. (Erhard Stackl/DER STANDARD, Printausgabe, 19.3.2004)

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    foto: der standard
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