Gehörlosentheater "in einer barbarischen Welt"

24. März 2004, 20:30
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"Gebärden funktionieren wie Musik": Zehn Produktionen beim ARBOS-Festival ab 26. März

Wien - "Die Kunst ist dem Leben immer einen Schritt voraus", verkündet der künstlerische Leiter von ARBOS - Gesellschaft für Musik und Theater, Herbert Gantschacher. Denn obwohl die Gebärdensprache in Österreich immer noch nicht offiziell anerkannt ist, stehen ab 26. März beim Europäischen und Internationalen ARBOS Gehörlosentheaterfestival bereits zum fünften Mal gehörlose und hörende Schauspieler gleichberechtigt auf der Bühne.

Künstler aus elf Staaten präsentieren bis zum 3. April in Wien und fünf weiteren Städten in Österreich unter dem Motto "Menschsein in einer barbarischen Welt" zehn Produktionen für gehörloses und hörendes Publikum.

"Gebärden funktionieren wie Musik"

Dass es beim Gehörlosentheater keineswegs tonlos zugeht, beweist die Eröffnungs-Uraufführung "Weißer Schnee bedeckt des Lebens Röte" im Wiener Theater des Augenblicks, bei dem Shakespeare-Sonette zu Musik von Werner Raditschnig von drei Musikern, zwei Schauspieler/Sängerinnen und einem gehörlosen Schauspieler zu einem "choreographischen Konzert" transformiert werden.

"Gebärden funktionieren wie Musik", was der Musik das Tempo, ist den Gebärden die vergehende Zeit, schilderten Gantschacher und sein Co-Leiter Horst Dittrich.

Weitere Programmpunkte sind u. a. Abende zu Kaspar Hauser, E. A. Poes "Das verräterische Herz" und die Visualisierung von Rilkes "Die Weise von Liebe und Tod des Cornets Christoph Rilke", für die zum Festivalabschluss mehrere Theatergruppen zusammenwirken.

Im Zentrum das Theater des Augenblicks

Mittelpunkt des Festivals ist das Theater des Augenblicks mit zehn Programmtagen, weitere Veranstaltungsorte sind Salzburg, Graz, Amstetten, St. Pölten, Mistelbach sowie das tschechische Znojmo (Znaim). Professionelle gehörlose sowie hörende Künstler aus u. a. den USA, Singapur, Hongkong, Australien und - wegen des bevorstehenden EU-Beitritts gleich zweifach vertreten - Tschechien nehmen teil. Jeweils eine Stunde vor den Vorstellungen gibt es um 19 Uhr Einführungen zu Werk und Gruppe mit Dolmetschern, vormittags (11 Uhr) werden täglich Workshops veranstaltet. Im BA-CA Kunstforum werden Führungen in der Kandinsky-Ausstellung in Gebärdensprache gehalten.

"Ohne Wien kein Gehörlosentheaterfestival", betonte Organisator Dietmar Jäger die Bedeutung der nicht nur finanziellen Unterstützung, die Stadt habe sich als internationales Zentrum für Gehörlosenkunst etablieren können. Dennoch habe auch hier das Gehörlosentheater in der Öffentlichkeit "nicht den Stellenwert, den es haben könnte".

"Ein Beispiel für Barbarei ist, wenn Minderheiten unterdrückt werden", so Gantschacher. Der Beweis, dass ein guter Umgang mit Minderheiten "auch in einer barbarischen Welt" möglich ist, zeige die "wunderbar gleichberechtigte Zusammenarbeit auf der Bühne" beim ARBOS Gehörlosentheaterfestival, freute sich der gehörlose Leiter und Schauspieler Dittrich. (APA)

Service

Europäisches und Internationales ARBOS Gehörlosentheaterfestival,

26. März bis 3. April. Info unter Tel. (01) 419 02 09 - 24

Link

arbos.at

theaterdes
augenblicks.net


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    grafik: arbos
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