"Wir brauchen ein Mischsystem"

2. April 2004, 21:49
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Die Aufgaben der Hausbetreuung werden immer komplexer, doch die Bereitschaft zu zahlen sinkt

"Wir brauchen ein Mischsystem"

Die Aufgaben der Hausbetreuung werden immer komplexer, doch die Bereitschaft zu zahlen sinkt. Drei große Hausverwalter analysieren das Problem aus ihrer Perspektive.

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Von 1988 bis 2002 ist der Wohnungsbestand um 43 Prozent gestiegen, die Zahl der Hausbesorger aber um neun Prozent gesunken, berichtete Anne-Maria Zatura Rieser, die Geschäftsführerin von Wohnungseigentum Tirol in Innsbruck, auf dem STANDARD-Wohnsymposium. Immer mehr Häuser beschränken sich auf ausgeschriebene Aufträge, bei denen der Bestbieter den Zuschlag bekommt. Das helfe zwar Betriebskosten zu senken, sagte Zatura Rieser, doch die menschliche Seite der Hausbetreuung gehe dabei verloren. Viele der neuen Reinigungsfirmen sind so genannte Ich-AGs, in denen sich meist weibliche Kräfte selber ausbeuten. "Es muss Hausmeisterin heißen, denn dieser Job ist weiblich", betonte sie.

"Viele Wohnanlagen wollen unbedingt die Betriebskosten senken, aber die schlechte Qualität für Betreuung und Reinigung geht dann Hand in Hand", bestätigte Philipp Wagner, Leiter der Hausverwaltung der Baugenossenschaft Neues Leben in Wien. Für Wagner liegt die Zukunft der Hausbetreuung bei "Dienstleistungen, die über die Reinigung hinausgehen", vor allem für die rasch wachsende Zahl von Älteren, die bis an ihr Lebensende in ihrer Wohnung bleiben wollen. Doch gerade diese persönlichen Dienstleistungen, von Freizeitprogrammen bis zur Einkaufshilfe, werden meist schlecht angenommen, solange die Bewohner damit nicht völlig vertraut sind, klagte Wagner. Da nützten auch moderne Kommunikationsinstrumente wie Internet meist wenig, weil Ältere damit kaum umgehen könnten. Passive Angebote wie Schwimmbad oder Sauna würden hingegen rasch akzeptiert.

Experimentierfeld für neue Dienstleistungen

Ein Experimentierfeld für neue Dienstleistungen war seit den Siebzigerjahren der Wohnpark Alterlaa, erzählte Gesiba-Generaldirektor Ewald Kirschner. Schon früh wurde dort über den traditionellen Hausbesorger hinaus ein Netz von Kooperationen mit verschiedenen Anbietern aufgebaut, das Ende der Neunzigerjahre zu echten Hausbetreuungszentren ausgebaut wurden. "Wir sind den demokratischen Weg gegangen und haben die Mieter gefragt: Was wollt ihr?", sagte Kirschner. "Die meisten wollten einen Hausbesorger, einen Engel wie bisher. Doch wir haben daneben auch eine zweite Schiene aufgebaut."

Bereit und traurig

Die Gesiba war daher auf die Abschaffung des Hausbesorger-Gesetzes 2001 gut vorbereitet, auch wenn Kirschner das Ergebnis bedauert. "Wir brauchen weiterhin ein Mischsystem." Noch 2001 wurde in dem von der Gesiba verwalteten Gasometer-Turm ein Hausbesorger-Ehepaar eingesetzt, das ein echtes Facility Management betreibt, so Kirschner.

Für Zatura Rieser liegt die Lösung nicht in der Rückkehr zum alten System, sondern in einer konsequenten Qualitätsverbesserung. Ihr Unternehmen verpflichte ihre Hausbetreuer zu ständiger Fort- und Weiterbildung und versuche so, gegenüber den Bewohnern die höheren Kosten eines ständigen Hausbesorgers zu rechtfertigen, wo dieser gewünscht werde. Dazu gehörten etwa Kommunikationsseminare ("Der Hausbesorger als Freund und Feind" sowie Seminare über Grünflächenbetreuung und Abfallentsorgung.

Hausbesorger erleichterten die Arbeit der Hausverwalter, weil viele kleine Streitigkeiten über Mülltrennung oder Lärmbelästigung bereits vor Ort gelöst werden könnten, meinte Zatura Rieser. "Dann werden die Konflikte nicht in das Büro hineingetragen." (Eric Frey, DER STANDARD Printausgabe 12.3.2004)

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