Tenne

8. März 2004, 22:00
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Der Mann mit den weißen Socken und der Herrenhandtasche hatte sich nicht irritieren lassen...

Das Tollste, sagte D., das Tollste sei die Klofrau. Denn die habe den Überblick: Wer aufs Damenklo gehe, erklärte D., zahle nicht wie sonst üblich jedes Mal, sondern kaufe – sozusagen – eine Abend-Klokarte. 80 Cent, sagte D., wären dafür ein fairer Preis. Denn die Klofrau bewahre den Überblick: Sie merke sich im größten Diskothekengewühl genau, wer schon da gewesen ist. Drei Mal, sagte D., sei sie bisher in der Tennne gewesen. Jedes Mal habe die Klofrau fehlerfrei gewusst, wer schon bezahlt hatte. Das, sagte D., werde ihre bleibende Erinnerung sein. Denn die Tenne wird es bald nicht mehr geben.

Weder D. noch ich wären D. früher hierher gekommen. Und unsere Wege hatten sich hier auch nur beruflich gekreuzt: D. arbeitet beim Oldiesender. Und der hatte eingeladen, um Abschied von einer Diskothek zu feiern, die ich sonst nie betreten hätte: Ted Herold, Gus Backus, die Beach Boys und Peter Cornelius lösen bei mir Fluchtgefühle aus. Und die Vorstellung, Waterloo und/oder Robinson, einem oder mehreren Mitglieder der Bambis oder gar den Bewohnern des Planeten Antel leibhaftig zu begegnen, hatten mich nie in das Lokal in der Annagasse locken können.

Wie die Vorstellung

An diesem Abend aber, war das ein bisserl anders. Schließlich muss jedes Vorurteil irgendwann die Chance bekommen, sich in der Realität zu bestätigen – und wenn Wiens älteste Diskothek Anfang April wegen horrender Mietforderungen des Hausbesitzers (sagt der Lokalbetreiber) tatsächlich für immer ihre Pforten schließt, dann würde es zu spät sein. Und dann könnte ich nicht sagen, dass die Tenne so ist, wie man sie sich vorstellt – auch ohne je dort gewesen zu sein.

Bloß: Es war kein schlechter Abend. Im Gegenteil. Natürlich: Die Musik war furchtbar. Und das Styling der meisten Leute auch. Dass hier tatsächlich alle Platten angesagt werden und praktisch ausnahmslos Discofox getanzt wird, war auch lustig – das sieht man heute ja nicht einmal mehr in der schlichtesten Dorfdisko. Aber dieser Witz hatte sich nach drei Minuten abgenutzt. Und nachdem ich vom Lokalchef ein Buch über 110 Jahre Tenne in die Hand gedrückt bekommen hatte, mich (natürlich erst, als er mich nicht mehr sehen konnte) über die Fotoseiten mit Peter Alexander, Udo und Curd Jürgens, Reinhold Bilgeri, Karl Dall, Hilli Reschl, Niki Lauda oder Uschi Glas in allen Epochen ihrer Präsenz mokiert hatte, fiel es mir auf: Jener Stammgast, der mir an der Garderobe erklärt hatte, dass hier ein Stück Wiener Kulturgeschichte begraben werde, hatte recht gehabt.

Herrenhandtasche

Der Mann im unmodernen Anzug hatte sich auch durch mein süffisantes Grinsen nicht irritieren lassen: Er könne, hatte er gesagt, mit dieser selbstgefälligen Arroganz der sich für kulturell irgendwo zwischen Avantgarde und Hochkultur sesshaft fühlenden Kulturschickeria mittlerweile gut leben. Daran – auch an die blöden Kommentare über seine Definition eines gelungenen Abends – habe er sich über die Jahre gewöhnt. Nur dass ich mich weigere, meine Ignoranz als ebensolche zu akzeptieren, meinte der Mann mit der Herrenhandtasche und den weißen Socken, ärgere ihn. Die Tenne sei nämlich ein Kulturdenkmal. Aber um das zu sehen, müsse man halt bereit sein, die Augen auf zu machen. Und zu akzeptieren, dass Kultur ein bisserl mehr sei, als das Feuilleton und die Events an Trendsetter-Locations. Und weiter als bis zum abgeschmackten und trivialen Bambi-Image schauen.

Ich hatte höflich genickt. Und vermutlich ziemlich unhöflich gegrinst. Im Buch des Tennechefs fand ich aber dann auch Bilder, die mich nachdenklich machten: Da waren Aufnahmen aus einem prächtigen mondänen Nachtclub. Er sah so aus, wie ich mir Kabaret- und Cancanbühnen des Fin de Siècle immer vorgestellt hatte: Ein großer , sich über zweieinhalb Geschoße erstreckender Ballsaal mit Logen im ersten Rang, die einen feinen Blick auf Tanzfläche und Bühne ermöglichten. Wände und Decke waren reich mit Stuck und Gold verziert – und eine gläserne, aufwändig gestaltete Glasdecke über der Tanzfläche verlieh dem Raum den Anschein, alles andere als im Keller unter einem Wohnhaus situiert zu sein.

Zwischendecken

Mit der Tennne von heute passt das aber nicht zusammen: Die ist nämlich wirklich ein eingeschoßiger Raum mit Betontraversen unter einer dunkel angefarbelten 0815-Decke. Jaja, meinte der Chef, irgendwann in den 50er oder 60er Jahren habe man die zwei Zwischendecken eingezogen. Unter uns gäbe es noch einen riesigen Raum. Und über uns moderten Stuck- und Glasdecke wohl auch noch vor sich hin. Aber dafür, seufzte der Chef, interessiere sich niemand – den Eliten der Kulturstadt genüge es, sich über die Oldie-Szene lustig zu machen. Weil das ja so einfach sei.

Ich habe es an diesem Abend fast drei Stunden in der Tenne ausgehalten. Und einmal sogar Discofox getanzt. Zu einem Austropop-Schlager. Mit einer Frau, die ich sonst – auf der Straße, in der U-Bahn oder sonst wo – vermutlich nicht einmal übersehen hätte. Sie sei, erzählte sie mir, in den letzten fünf Jahren fast ausschließlich hierher gegangen. Für Clubs und Clubbings fühle sie sich nicht schön, schick und smart genug. Aber hier, in der Tenne, sei das nie ein Thema gewesen. Als ich sie – das hatte ich vor hundert Jahren einmal in der Tanzschule gelernt – an ihren Platz zurückbrachte, hatte sie Tränen in den Augen. Nicht meinetwegen.

Die wöchentliche Kolumne von Thomas Rottenberg

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