Causa Yline: Beweismaterial gestohlen

9. März 2004, 13:32
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Zehn beschlagnahmte Notebooks verschwunden - Ermittlungen werden auf Liechtenstein ausgedehnt

Bei den Ermittlungen wegen Millionenbetrugs rund um die Pleite des Wiener Internetunternehmens YLine ist entscheidendes Beweismaterial verschwunden.

Die Staatsanwaltschaft Wien hat einen Bericht des Nachrichtenmagazins "profil" bestätigt, wonach im Dezember 2002 10 Notebooks kurz nach Sicherstellung aus dem abgestellten Wagen der Wiener Polizei gestohlen worden sind.

Nach Informationen der APA sollen die Notebooks, die bis heute nicht wieder aufgetaucht sind, den Vorständen und anderen führenden Managern von YLine gehört haben.

Heiße Spur

Trotzdem verfolgt die Staatsanwaltschaft derzeit eine heiße Spur. Die Staatsanwaltschaft hat ihre Ermittlungen auf Liechtenstein ausgedehnt und kündigt nun konkrete Einvernahmen an. Noch diesem Jahr könnte es zu ersten Anklagen kommen.

"Wir bemühen uns, die Erhebungen zu bündeln und uns auf einen bestimmten Sachverhalt zu konzentrieren", sagte der ermittelnde Staatsanwalt Georg Krakow am Dienstag.

Krakow ist "nicht gerade glücklich" über den Diebstahl der Notebooks, betont aber, dass die Staatsanwaltschaft nicht "an Mangel von Material leide". Insgesamt habe man rund 700 Ordner zusammengetragen.

Privatstiftung in Lichtenstein

Die Spur führt die Ermittler zur Liechtensteiner Privatstiftung Spinola. Der Grüne Abgeordnete Peter Pilz hatte zuletzt erklärt, dass über diese Stiftung möglicherweise die Millionen verteilt wurden, die aus dem YLine-Coup lukriert worden sein sollen. Der Staatsanwalt hat am Dienstag einen Amtshilfeantrag an das Fürstentum bestätigt.

Auf die Liechtensteiner Fährte gekommen sind Ermittler über die YLine-Tochter WebLine, die seit vergangener Woche in heimischen Medien für Aufregung sorgt.

Der damalige Sacheinleger Josef Pfleger soll die Internet-Porno-Firma laut Pilz am 4. Februar 2000 für rund 174.000 Euro gekauft haben und kurze Zeit später, nämlich Anfang März, für 1,5 Mio. Euro an YLine weiterverkauft haben.

15.058 jungen YLine-Aktien

Ausgekauft wurde Pfleger damals in 15.058 jungen YLine-Aktien zu einem Fixpreis 100 Euro, über die Pfleger laut Gutachten der Finanzmarktaufsicht (FMA) bereits Ende Jänner einen Optionsvertrag mit der Spinola Privatstiftung abgeschlossen haben soll und die über die Spinola dann im März mit einem Gewinn von rund 2,3 Mio. Euro verkauft worden sein sollen.

Denn: In der Zeit von Jänner bis März 2000 war der Kurs der YLine-Aktie von 58 Euro auf sein Allzeithoch von 278 Euro gestiegen. Der frühere YLine-Aufsichtsratsvorsitzende und steirische Industrielle Ernst Hofmann soll dabei laut Gutachten als Treuhänder Pflegers aufgetreten sein.

Zehn- bis zwanzigfach überbewertet

Ähnlich, so Ermittler, dürften auch andere YLine-Übernahmen abgelaufen sein. Im Schnitt sollen die zahlreichen in die YLine eingebrachten Firmen um das Zehn- bis Zwanzigfache überbewertet gewesen sein.

Ein Gutachten im Auftrag des Masseverwalters wirft den Verdacht auf, dass sich Verkäufer aus dem Umfeld der YLine auf diese Weise um mindestens 36 Mio. Euro bereichert haben könnten.

Insgesamt ermittelt die Staatsanwaltschaft bereits gegen 22 Verdächtige aus dem Kreis des YLine-Vorstands, des Aufsichtsrats und der Wirtschaftsprüfung des Unternehmens.

Geprüft wird unter anderem der Verdacht auf Anlagebetrug, Untreu, betrügerische Krida und Insiderhandel; für alle Angesprochenen gilt die Unschuldsvermutung.

Einvernahmen

Zunächst habe sich die Staatsanwaltschaft auf Sacherhebungen konzentriert. Groß angelegte Verhöre hat es bisher noch nicht gegeben, selbst der frühere YLine-Chef Werner Böhm ist bisher noch nicht befragt worden.

Nun sollen "im Lauf der Zeit aber alle Verdächtigen" - auch Böhm - einvernommen werden, betonte Krakow. Auch hier gilt die Unschuldsvermutung.

Polizeilichen Ermittlungen gestalteten sich "schwierig"

Die polizeilichen Ermittlungen gestalteten sich unterdessen insgesamt "schwierig". Das liege jedoch "in der Natur des Falles". Der wirtschaftliche Sachverhalt sei "sehr komplex und nicht einfach zu durchschauen".

Die Zusammenarbeit mit dem Bundeskriminalamt, mit dem Krakow jetzt ausschließlich zusammenarbeitet, bezeichnet er dennoch als konstruktiv.

Erste Anklagen Ende des Jahres

Laut dem Staatsanwalt steht zwar eine "Enderledigung des Falles noch nicht kurz bevor. Aber: "In diesem Jahr muss sich noch irgend etwas tun", so Krakow. Erste Anklagen könnten also noch in diesem Jahr erfolgen.

Denn so Erich Müller, Leiter der Wirtschaftsgruppe der Staatsanwaltschaft Wien, im "profil": "Wir werden weiter in der Jauche stieren. Und wir werden etwas finden."

Gelassen sieht die Staatsanwaltschaft die laufenden Bemühungen Böhms für einen Zwangsausgleich der YLine. Das privatrechtliche Verfahren hänge mit dem strafrechtlichen Prozess nicht zusammen.

Der Gerichtsgutachter im Handelsgerichtsverfahren, Thomas Keppert, sei mittlerweile auch im Strafprozess vom Staatsanwalt mit Untersuchungen beauftragt worden. (APA)

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