Ein Brei, vom Himmel bis zur Erde

1. März 2004, 12:37
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Doris Kittlers sehenswerte Russland-Dokumentation "Leichte Winter"

Wien - Leben in der Fremde: im Winter bei 35 Minusgraden zum Beispiel. Und wenn man sich, so eine junge Deutsche in Russland, mit den alltäglichen Ausfällen der Strom- oder Wasserversorgung nicht arrangiere, dann sei man hier gleich einmal fehl am Platze.

Die junge Wiener Filmemacherin Doris Kittler hat selbst zwei Jahre in Sibirien gelebt und dort ihren ersten Film realisiert (Mischa, 2001). In ihrem zweiten, der Dokumentation Leichte Winter, unternimmt sie nun eine Annäherung an eine fremde Umgebung, die ihre Qualität vor allem einem Zugang verdankt, der den Blick von außen zum integrativen Bestandteil macht, ihn ausweist und vervielfältigt.

Beiläufige Bilder

Leichte Winter entwickelt seine beiläufigen Bilder primär entlang den Erzählungen (und Erfahrungen) von jungen Deutschen, die in Russland beziehungsweise in anderen ehemaligen Sowjetrepubliken ihrer Arbeit nachgehen. Ihren Stimmen, die großteils aus dem Off ertönen, stellt der Film eigenständige Aufnahmen gegenüber, die sich auf das Gesagte beziehen, ohne eine reine Illustration vorzunehmen.

Man erfährt dabei nicht nur etwas über materielle Lebensgrundlagen oder versiegende Winterromantik ("Es ist immer dasselbe: ein eisiger, grauer, mehliger Brei, der vom Himmel bis zur Erde runtergeht."), über Sowjetnostalgie oder ostchristliche Traditionen, sondern auch über die für "Westler" ungewohnten Konfigurationen von öffentlicher und privater Sphäre oder über das Fahrverhalten georgischer Autofahrer ("Der Griff zum Gurt ist eine Beleidigung für den Fahrer."). Und manch einer gewinnt in der Fremde das Gefühl, sich "zum ersten Mal selber ganz reell und authentisch" zu begegnen.

Dazwischen dominiert der Eindruck eines eigenständig umherschweifenden Kamerablicks, der wie ein aufmerksamer Flaneur seine Motive gewinnt - wiederkehrende Bilder vom Musizieren auf der Straße etwa. Oder dem Trickfilmer Boris Kasakow einen Besuch abstattet und dessen eigenwillige Bearbeitungen "gefundener" Filme vorstellt. Ein schöner Anknüpfungspunkt für einen künftigen west-östlichen Austausch. (DER STANDARD, Printausgabe vom 23.2.2004)

Von
Isabella Reicher

Schubert Kino 2
4. 3., 23:15

Rechbauerkino
6. 3., 20:30
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    foto: filmladen
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