Herrn Horváths Puppenklinikclowns

18. März 2004, 15:15
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Laien erzählen beachtliche "Geschichten aus dem Wiener Wald" im Künstlerhaus

Wien - Das Laientheater gehört einer verschütteten Traditionslinie an, die aus einfachen Mitwirkenden bewusst Handelnde macht. Laienspieler vollziehen, indem sie zur Darstellung den Abstand ihrer fachlichen Inkompetenz halten, die Erkenntnisschritte ihrer Figuren umso intensiver nach. Das machte sie zum Beispiel in den rot entzündeten Augen des Lehrstückeschreibers Brecht zu unentbehrlichen Helfern in Fragen sozialistischer Selbsterziehung.

Dergleichen wird man zwar vom ATiNÖ, das mit Horváths Geschichten aus dem Wiener Wald im dietheater Künstlerhaus gastierte, nicht ohne weiteres behaupten. Seit der Kunststaatssekretär sich jedoch die Gesundung des Theaterbetriebs ausgerechnet von Oberzeiringer Halb-Laien erwartet, darf man getrost auch deren niederösterreichischen Kollegen jenen Respekt zollen, der ihnen gebührt.

Nicht alles, was man dieser im Wortsinne schlichten Unternehmung als Verdienst anrechnet, mag dem Kunstwollen der Beteiligten entsprungen sein. Über der kahlen, nachfinsteren Bühne liegt wie ein Alpdruck die korkende, angstverschwitzte Atmosphäre eines narkotisierten Begehrens, das die Bestien aus Horváths Totenpuppenklinik zu sedierten Haustieren macht. Zu Heurigen-Gehern, die mit zerstörten Gesichtern und verwahrlosten Seelen den Schmutz ihrer Gemütshalbbildung auf schmerzlicher Flamme hochköcheln. Zauberkönigs Tochter Marianne (Marion Steinfellner) besitzt unter allen Raubtierkatzen den geschmeidigsten Gang: ein Vorstadtschönheit, die ihre Wörter wie runde Kiesel in der Horváthschen "Stille" versenkt. Überhaupt verströmt die Unternehmung von Regisseur Andreas Erstling momentweise den Ton eines Straub/Huillet-Films - ein Munkeln aus den halbbewussten Tiefen des Vorstadtwahnsinns, nur manchmal mit zu viel Dialekt aufgedonnert.

Die Laien-Palme gehört aber Fleischhauer Oskar (Rudolf Katzer): Ein versonnener Wurstabbeißer, dem ein Liederbuch gab zu singen, was sein finsteres Herz begehrt. Ein menschliches "Centrum Reiner Gestik". So nennt sich ja auch der koproduzierende Verein. "Ich kann nicht mehr, jetzt kann ich nicht mehr", klagt Marianne am Schluss. Aber ja doch: Sie kann.
(DER STANDARD, Printausgabe, 28./29.2.2004)

Von Ronald Pohl
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    foto: künstlerhaus
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