Czech Pale Ale

5. Februar 2012, 16:55
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Conrad Seidl ließ sich von einer kleinen tschechischen Brauerei überraschen

Vom tschechischen Bier weiß man, dass es sich um ein helles untergäriges Lagerbier handelt. Und das seit 1842. Damals hat ein gewisser Josef Groll aus Vilshofen im damals neu eingerichteten Bürgerlichen Brauhaus zu Pilsen erstmals jenes Bier gebraut, das als Pilsner Urquell Weltruhm und als Pilsner Stil Weltgeltung erlangt hat. Weltweit rühmen sich Brauereien "Pilsner" oder "Pils" zu brauen - wie stark (oder meist: wenig) diese Biere auch vom Vorbild entfernt sein mögen.

Ist das nicht ein bisschen zu stark vereinfacht? Erstens ist nicht jedes Bier, das sich Pilsner nennt, an den tschechischen Stil angelehnt - bei Bewerben ist daher "Bohemian Style Pilsner" nur eine unter mehreren Pils-Kategorien. Zweitens ist nicht jedes tschechische Bier an das helle Vorbild Grolls angelehnt - es gibt wundervolle halbdunkle und dunkle Lagerbiere in Tschechien. Und drittens hat sich das helle Lagerbier auch in den Brauereien Böhmens erst langsam - nämlich um 1870, rund drei Jahrzehnte nach der Pilsner Innovation - durchgesetzt. Bis dahin brauten die meisten Brauhäuser in Böhmen und Mähren obergärige Biere. Die sind allerdings im späten 19. Jahrhundert vom Markt verschwunden.

Brautechnische Umbrüche

Erst nach der Wende von 1989 gab es zaghafte Ansätze, es einmal mit Weißbier zu versuchen. Das obergärige Weizenbier aus Böhmen war ja zu Wallensteins Zeit, 200 Jahre vor Groll, berühmt gewesen. Aber die obergärige Brautradition ist von den brautechnischen Umbrüchen des 19. Jahrhunderts verschüttet worden - der Markt erwartet eben vom tschechischen Bier das, was Pilsner Urquell, Budweiser und eine Handvoll anderer Brauerein vorgeben.

Und dann gibt es doch ein paar Brauer, die sich nicht in das enge Korsett des brautechnischen Mainstreams pressen lassen wollen: Die eine oder andere Prager Gasthausbrauerei hat in den vergangenen Jahren mit obergärigen Hefen experimentiert und seit einiger Zeit gibt es auch ein obergäriges Flaschenbier amerikanischen Stils aus unserem nördlichen Nachbarland. Es kommt aus der Familienbrauerei Matuska in Broumy, einem Dorf westlich von Prag. Und sehr westlich ist auch das Bier: Da gibt es ein extrem hopfenbetontes California Pale Ale und ein Imperial Pale Ale mit dem Namen Raptor, das knapp 16 Grad Stammwürze und 60 Bittereinheiten aufweist. (Der Standard/rondo/03/02/2012)

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    Vom tschechischen Bier weiß man, dass es sich um ein helles untergäriges Lagerbier handelt.

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