Lob der Stadt

6. Oktober 2011, 17:27
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Wenn es kalt wird, weiß man wieder, warum man mit 18 aus dem Dorf geflüchtet ist - Kolumne von Christian Schachinger

Man könnte jetzt natürlich hinaus aufs Land fahren. Draußen würde die Sonne scheinen. Es wäre zwar um fünf Grad kälter als in der Stadt, dafür aber könnte man wahrscheinlich eine mannsgroße Zucchini ernten, um sie im Kompost zu entsorgen. Man könnte den Kompost auch umstechen, darin wachsen immerhin schon seit längerem Erdäpfel, die den Weg auch nicht auf die Teller gefunden haben. Macht man das im Herbst? Man macht es sowieso nicht. Im Garten könnte man beobachten, wie sich die Maulwürfe mittels eines weitverzweigten Tunnelsystems auf den Winter vorbereiten. Vom Nachbarn drüben würde man Radio Niederösterreich plärren hören. Damit werden die acht Paletten neue Ziegel bezüglich ihrer nächstjährigen Verwendung als Bestandteile eines zweistöckigen Carports gefügig gemacht.

Bibbern vor Kälte

Nachts würde man vor Kälte bibbernd aufwachen, weil man vergessen hat, im Ofen Holz nachzulegen. In der Früh würde der Nebel bis Mittag im Tal hängen und den Erlebnisdrang ziemlich stark einschränken. Jemand allerdings muss drüben im Stadl Holz holen. Jemand muss runter in die Zivilisation Futter holen für den Kompost. Jemand sollte das Haus langsam winterfest machen.

Man bleibt also in der Stadt. Man lässt beim Wirt kochen, kauft sich Zeitungen, in denen es pro Ausgabe nur ein und nicht neun Fotos des Landeshauptmannes gibt. Man will ein bestimmtes Buch haben, geht los und bekommt das bestimmte Buch. Sofort. Wenn es kalt wird, weiß man wieder, warum man mit 18 aus dem Dorf geflüchtet ist. (Christian Schachinger, Rondo, DER STANDARD, 07.10.2011)

  • Nachts würde man vor Kälte bibbernd aufwachen, weil man vergessen hat, 
im Ofen Holz nachzulegen.
    foto: herbert pfarrhofer

    Nachts würde man vor Kälte bibbernd aufwachen, weil man vergessen hat, im Ofen Holz nachzulegen.

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