Espadrilles: Rückkehr der Urlaubsschuhe

14. Juli 2011, 17:12
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Sie sind eine Alternative zu den allgegenwärtigen Flipflops: Espadrilles - Mit Umfrage

Schuld sind ganz sicher die Flipflops. Die Kunststoffteile mit dem Zehensteg schlapften vor gut einem Jahrzehnt massenhaft aus der Nasszelle in die Fußgängerzonen – und seither ist im Sommer kein Entrinnen mehr: Ob am Strand, im Supermarkt oder an der Kinokasse, die legeren Patschen werden überall zwischen die Zehen geklemmt – ob als Alleskönner oder als Verlegenheitslösung, mag einmal dahingestellt sein.

Höchste Zeit also, den Verstand einzuschalten und den Kunststofftretern Adieu zu sagen. Naturmaterialien haben schließlich auch ihren Reiz, nicht umsonst setzen die Modehäuser und Designer seit einiger Zeit wie verrückt auf Basttaschen, Holzabsätze und Jutewedges. Das erneute Auftauchen der Espadrille mag also möglicherweise mit diesem Run auf alles, was im weitesten Sinne natürlich oder zumindest handmade aussieht, zusammenhängen.

Noch dazu sind hier sicherlich Sentimentalitäten im Spiel. Der Urlaubstreter der 1980er mit den dicken geflochtenen Sohlen, in die man barfüßig hineinschlüpft – weckt der nicht vor allem Erinnerungen an vergangene Sommer?

Damals, als Don Johnson die Stoffschuhe in Miami Vice zur gepflegten Sonnenbanktiefenbräune kombinierte, machten ihm das so ziemlich alle anderen nach und schlugen im Südfrankreichurlaub zu: Die Espadrilles, deren Bezeichnung aus dem Provenzalischen kommt und sich vom ursprünglich für die Sohle verwendeten Espartogras ableitet, trug man einen Sommer lang – bis der Gummi durchgelaufen, die faserige Sohle ausgefranst und der bunte Stoff ausgeblichen war. Das war aber nicht schlimm, denn welches Schuhmodell führt uns schöner die Vergänglichkeit der Mode vor Augen? Davon abgesehen waren die Espadrilles billig und wurden einem hinterhergeworfen. Beim Kauf gedanklich immer im Gepäck: Der Riviera-Chic der 1950er, denn: die Schlüpfschuhe, die in Spanien und Mallorca als Alpargatas bezeichnet werden, mögen handgemacht aussehen, sorgen aber für ein weitaus lässigeres Erscheinungsbild als die Flipflops vom Fließband. Noch Überzeugungsarbeit notwendig?

Auftritt in "High Society"

John F. Kennedy trug sie zu kurzen Hosen, Lauren Bacall machte sie Ende der Vierziger filmwürdig und auch Grace Kelly fegte 1956 im Musicalfilm "High Society" mit knallroten flachen Espadrilles zum khakifarbenen Ensemble durchs Bild. Da möchte man doch gleich modisch mit von der Partie sein, auch wenn die flachen Sommerschuhe immer seltener in Frankreich, Spanien oder Mallorca, wo sie angeblich herkommen, handgefertigt werden. Die Konkurrenz aus Bangladesch liefert die Jute und ist schließlich um einiges billiger.

Die Zusammensetzung des Schuhs ist aber von jeher dieselbe: Lange Bast- oder Juteschnüre werden schneckenförmig zusammengelegt, mit hydraulischen Pressen in die fertige Form gebracht, anschließend wird eine dünne Gummischicht als Sohle aufvulkanisiert. Das Leinen hält eine dicke wie dekorative Überwendlichnaht, die den handgemachten Charme der Espadrille mit verantwortet.

Dem sind die Designer übrigens schon reihenweise erlegen: 1995 dachte sich das Modehaus Chanel eine zweifarbige Variante mit einer weißen und einer schwarzen Kappe und einem farblich umgekehrten Restteil aus. Die langen Bänder konnten dekorativ ums Bein gewickelt werden – mittlerweile ist dieses Modell in jedem Schuhnachschlagewerk als Klassiker gelistet. Doch flach ist nur die eine Seite der Espadrille: Schon Anfang der 60er wurde die bodennahe Unisexvariante neu interpretiert: Yves Saint Laurent erarbeitete mit dem spanischen Espadrilles-Hersteller Castaner den ersten Plateauschuh mit Bastabsatz.

Längst hat sich diese Version verselbstständigt. Bastplateau, wohin man blickt. Missoni hat sie im bunten Zickzack im Programm, Diane von Fürstenberg steht ebenfalls auf bunt. Außerdem wären da noch die Prada-Brogues, Saisonlieblinge der Moderedakteurinnen, die zumindest eine Bastschicht ins Plateau mit eingeschmuggelt haben. Und dann erst die Männer! Die dürfen sich entscheiden zwischen Balenciaga in Schwarz-Weiß oder komplettem Reinweiß bei Hermès. Da wäre Sonny Crocket sicher auch fündig geworden. (Anne Feldkamp/Der Standard/rondo/15/07/2011)

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