Chrono-Logie II

6. Mai 2011, 17:16
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Die Zeitmesser der Marke Omega aus Biel sind Rekordsammler - Sie wurden die Chefzeitnehmer der Olympischen Spiele

Gisbert L. Brunner beschreibt den Stammbaum und seinen jüngsten und nobelsten Spross: den Speedmaster Professional Co-Axial Chronograph.

1848

1848 beröffnete Louis Brandt sein Uhren-Comptoir. Sein moderner Uhrenfabrikationsbetrieb nahm 1880 in Biel die Arbeit auf und ließ gleich 1894 mit einem völlik neuen Taschenuhrkaliber in Serienreife aufhorchen. Als "letzter Schrei" wurde diese Uhr bezeichnet, was den Brandt'schen Hausbankier Henri Rieckel veranlasste, sie "Omega" zu nennen, nach dem letzten Buchstaben des griechischen Alphabets.

1898

Der erste Omega-Chronograf datiert auf das Jahr 1898. Natürlich handelte es sich noch um eine Taschenuhr. Unter dem Emailzifferblatt tickte das 19-linige Kaliber CHRO HNB, Durchmesser 43 mm, mit Schaltradsteuerung und 30-Minuten-Zähler. 1913 bringt Omega große Chronografen ans Handgelenk. Die frühen Armband-Stopper haben die Ausmaße einer Taschenuhr: Werke mit 40 mm Durchmesser, Kaliber 18''' SOPB CHRO, Typ Lépine. Zum Starten, Stoppen und Nullstellen gibt es einen Drücker bei der 6. Einen Armbandchronografen aus jener Zeit trug ab 1915 Thomas Edward Lawrence, genannt Lawrence von Arabien. Der britische Archäologe, Offizier und Schriftsteller initiierte die Revolte des Mittleren Ostens gegen das Osmanische Reich.

1943

Bei der Entwicklung des legendären, 1943 vorgestellten Chronografenkalibers 27 CHRO C12 spielte Jacques Reymond, Spross einer alteingesessenen Uhrmacherdynastie eine entscheidende Rolle. 1942 hatte er bei der Omega-Tochter Lémania angeheuert. CHRO stand bei der Kaliberbezeichnung für Chronograf, 27 für 27 mm Werkdurchmesser und C12 für den zusätzlichen Zwölf-Stunden-Zähler. Das von Omega schlicht 321 genannte Kaliber galt damals als kleinstes seiner Art. Die Version ohne Stundenzähler nannte sich 320. Gegen 1949 erfolgte die Verknüpfung der Kaliberbezeichnungen zu 27 CHRO C12 – 321 bzw. 27 CHRO – 320.

1960

Die Entwicklung des extrem robusten "Speedmaster"-Gehäuses verdankte Omega u. a. Claude Baillod, dem Stylisten des Gehäuseherstellers Huguenin, Georges Hartmann, dem Prototypisten, und dem Feinbearbeiter Desire Faivre. Merkmale der fertigen Armbanduhr: schwarzes Zifferblatt, Leuchtzeiger, Tachymeterskala, wasserdicht, Durchmesser zunächst 39, ab 1960 mit schwarz grundierter Tachymeterskala auf dem Glasrand 40 mm, verschraubter Boden und bombiertes Plexiglas. 1957 startete die Produktion des "neuen Chronographen, entwickelt für Wissenschaft, Industrie und Sport."

1964

1964 startete die amerikanische Weltraumbehörde Nasa in Houston ein anonymes Casting-Prozedere. Inkognito erwarben Bedienstete zehn Armbanduhren verschiedener Marken. Anschließend checkte das Testlaboratorium diskret und gründlich deren Weltraumeignung. Im Rahmen mehrwöchiger Tests durchlitten die Probanden bislang einmalige Torturen. Am Ende tickte allein der "Speedmaster"-Chronograf. Deshalb erklärte ihn die Nasa am 1. März 1965 zur offiziellen Uhr für ihre Weltraummissionen. Am 16. Juli 1969 traten zwei Menschen die bislang teuerste Reise an. Neil Armstrong tat am 21. Juli um 2.56 Uhr GMT seinen berühmen kleinen, großen Schritt. Theoretisch hätte ihn sein "Speedmaster" beim Betreten des Mondes begleiten sollen. Kurz nach dem Aufsetzen der Fähre bemängelte Kollege Buzz Aldrin den Ausfall des elektronischen Bordzeitmessers. Vorsichtshalber ließ Armstrong seine Uhr zurück. Damit war Aldrins "Speedmaster" der erste auf dem Erdtrabanten.

1970

Am 17. April 1970 bewies der "Speedmaster Professional", dass er das Attribut als "einzige Uhr der Welt mit einer Rückfahrkarte zum Mond" zu Recht trug. Ihm ist das glückliche Ende der dramatischen Apollo-XIII-Mission zu verdanken, bei der eine Explosion im Sauerstofftank die Elektrik des Raumschiffs lahmgelegt hatte.

1999

1999 kamen der englische Uhrmacher George Daniels und Omega zusammen. 30 Jahre lang hatte er an seiner "Koaxialen Ankerhemmung" gearbeitet. Im Automatik-Kaliber 2500 kam es zum Einsatz. Der neuartige Taktgeber beseitigt elementare Probleme konventioneller Ankerhemmungen, die in erster Linie aus der Reibung z. B. an den Berührungsstellen von Ankerpaletten und Ankerradzähnen resultieren. Öl brachte nur vorübergehend Abhilfe, denn Viskositätsänderungen beeinflussen zwangsläufig auch das Gangverhalten. Ganz abgesehen davon, dass das Schmiermittel im Laufe der Jahre schwindet. Nach je vier bis fünf Jahren wird ein Service fällig. Ganz anders bei Daniels: Ein Neukonstruktion der impulsgebenden Elemente mindert die Reibung beträchtlich, wodurch das problembehaftete Öl verzichtbar wird. Im Gegensatz zum bislang Üblichen (Anker, Ankerrad) besteht die "Koaxiale Hemmung" aus insgesamt drei Komponenten: Zwischenrad, Koaxialrad und Anker mit drei Steinpaletten. Um ihre Vorzüge voll ausschöpfen zu können, besitzen die damit ausgestatteten Omega-Kaliber eine Unruh mit frei schwingender Spirale. Die Regulierung des Gangs erfolgt mithilfe von Masseschrauben im Unruhreif.

2011

2011 betritt der "Speedmaster Professional Co-Axial Chronograph" die Bühne. Das klassische Edelstahlgehäuse, Durchmesser 44,5 mm, umfängt das 32,5 mm große und 7,6 mm hohe Automatikkaliber 9300 mit koaxialer Ankerhemmung. Seine schwarze Unruh mit variablem Trägheitsmoment und die zugehörige Siliziumspirale oszillieren mit vier Hertz. Zwei DLC (Diamond Like Carbon) beschichtete Federhäuser gewährleisten mehr als 60 Stunden Gangautonomie. Der Kugellagerrotor spannt das Federhausduo in beiden Drehrichtungen. Das komplexe Hemmrad, einer der insgesamt 329 Bauteile, entsteht in fotolithografischer LIGA-Technologie. Die Funktionen werden von einem Schaltrad gesteuert. Die Verbindung zwischen Uhrwerk und Chronograf, dessen Totalisatoren für Stunden und Minuten bei der "3" konzentrisch angeordnet sind und so ein intuitives Ablesen ermöglichen, regelt eine neuartige vertikale Reibungskupplung. (Gisbert L. Brunner/Der Standard/rondo/06/05/2011)

  • Der "letzte Schrei" Ende des 19. Jahrunderts. Der serienreife 
Taschen-Chronograf
    foto: hersteller

    Der "letzte Schrei" Ende des 19. Jahrunderts. Der serienreife Taschen-Chronograf

  • Artikelbild
    foto: hersteller
  • Mit dem Speedmaster am Handgelenk pflanzte Buzz Aldrin die amerikanische Flagge ins Mondgestein.
    foto: hersteller

    Mit dem Speedmaster am Handgelenk pflanzte Buzz Aldrin die amerikanische Flagge ins Mondgestein.

  • Artikelbild
    foto: hersteller
  • George Daniels schraubt an der uhrmacherischen Jahrhunderterfindung Co-Axial- Hemmung. 
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    foto: hersteller

    George Daniels schraubt an der uhrmacherischen Jahrhunderterfindung Co-Axial- Hemmung.

  • Jüngster Sohn der Chronografen-Sippe: Speedmaster Professional Co-Axial chronograph.
    foto: hersteller

    Jüngster Sohn der Chronografen-Sippe: Speedmaster Professional Co-Axial chronograph.

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