Es geht ums Entdecken

18. Februar 2011, 17:39
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Thomas Geisler ist seit vergangenem Herbst Design-Kurator im Wiener Mak - Michael Hausenblas erzählte er von Design als Aufstand und davon, was er von Peter Noever als Designer hält

DER STANDARD: Sie wurden Design-Kurator des Mak, noch bevor bekannt wurde, dass der Vertrag von Peter Noever als Direktor nicht verlängert wird. Wollte man damit noch eine Kurve kratzen und der Kritik, am Mak würde zu wenig Angewandtes gezeigt, entgegenwirken?

Thomas Geisler: Das kann ich nicht beurteilen. Grundsätzlich gibt es diese Position eines ausschließlichen Design-Kurators noch nicht sehr lange. Zuvor waren außer der Direktion hauptsächlich die Sammlungs-Kustoden aus den klassischen Bereichen auch als Kuratoren für Design aktiv.

DER STANDARD: Womit beschäftigt sich also ein reiner Design-Kurator im Mak?

Geisler: Mit Ausstellungsprojekten für das große Wiener Kaffeehausexperiment und der Vorbereitung für die Rudolf-Steiner-Ausstellung.

DER STANDARD: Was bedeutet Kaffeehausexperiment?

Geisler: Dabei handelt es sich um angewandte, mehrstufige Forschungsprojekte im Museum. In Designlabors werden junge und namhafte Designer eingeladen, zum Thema Kaffeehaus zu arbeiten und zu recherchieren. Es geht um die Erforschung des Kaffeehauses als soziale Schnittstelle zwischen privat und öffentlich im Stadtraum. Im Oktober werden die besten Ergebnisse bei der Vienna Design Week gezeigt.

DER STANDARD: Stichwort Design Week: Sie haben gemeinsam mit Lilli Hollein und Tulga Beyerle die Vienna Design Week zu einem beachtlichen Event gemacht. Es heißt, Lilli Hollein habe sich für die Nachfolge von Peter Noever am Mak beworben. Würden Sie sie sich als Chefin wünschen?

Geisler: Sicher. Oder sagen wir so: Ich freue mich über jeden kompetenten Kandidaten für diese Position.

DER STANDARD: Haben Sie einen Wunschkandidaten?

Geisler: Nein, ich kenne die Bewerber bis auf ein paar wenige auch nicht. Ich bin sehr gespannt auf die internationalen Bewerbungen.

DER STANDARD: Die kennt nur die Ministerin?

Geisler: Die hängen nicht bei uns am Schwarzen Brett.

DER STANDARD: Was werden Sie dem neuen Chef oder der neuen Chefin beim ersten Gespräch zum Thema Design sagen?

Geisler: Ich möchte mehr Freiraum für Design.

DER STANDARD: Apropos Raum: Es heißt, dass einiges an Räumen im Museum heuer leerstehen soll. Was würden Sie zeigen, wenn Sie eine große Halle bekämen?

Geisler: Das mit den Räumen kann ich im Detail nicht beurteilen, es werden auch noch kurzfristige Präsentationen dazukommen. Ich kenne viele Themen, die ich spannend finde. Tendenziell suche ich eher aus einem Thema heraus Beiträge als aus Personen.

DER STANDARD: Welches Thema wünschen Sie sich?

Geisler: Aufstand. Ich realisierte einmal ein Projekt namens "Design Revolution". Neben der Kunst muss Design auch die Rolle haben, nicht nur konform zu entwerfen. Design soll ebenso Dinge infrage stellen. Es hat die Möglichkeit, diese Fragen einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Auch soll nicht das Abfeiern von geraden hippen Namen im Vordergrund stehen, sondern Dinge, die für diesen Ort entwickelt werden. Es geht mehr um ein Entdecken und eine Auseinandersetzung als um Präsentation.

DER STANDARD: Sie haben eine Auswahl für den international renommierten 'Brit Insurance Design Award' des britischen Designmuseums kuratiert. Nun haben es die heimischen Designer Numen / For Use, Andreas Pohancenik, Rainer Mutsch und das Projekt von Max Lamb für Lobmeyr in eine Auswahl von circa 100 Projekten geschafft. Spricht man internationale Designstars auf österreichisches Design an, gibt's oft nur Achselzucken. Philippe Starck nannte gar Friedensreich Hundertwasser. Wie steht's denn um das österreichische Design im internationalen Vergleich?

Geisler: Die Arbeit, die ich bisher gemacht habe, zeugt von meiner Meinung, dass es mehr Öffentlichkeit braucht. Es ist keine Frage des Qualitätsvergleichs, sondern eine der Wahrnehmung. Was kann man machen, damit österreichisches Design im Ausland anders wahrgenommen wird? Es gab ja diverse, zum Teil unglückliche Initiativen in diese Richtung. In anderen Ländern gibt es einfach eine andere Designpolitik, im Rahmen derer diese Disziplin vermarktet wird. Das erfordert langfristiges Engagement und Kooperationen.

DER STANDARD: Woran hapert's hierzulande?

Geisler: Schwer zu sagen. Die Design Week hat's ja geschafft, viele Player an einen Tisch zu bringen. Endlich gab es eine Wahrnehmung quer durch alle Institutionen und Design-Disziplinen. Das schafft Bewusstsein und Selbstbewusstsein, im In- und Ausland. Aber auch im fünften Jahr steht hier der Design Week noch ein langer Weg bevor.

DER STANDARD: Was ist diesbezüglich mit dem Mak? Es ist nicht leicht, sich an große Designausstellungen hier zu erinnern. Räumlich betrachtet wurden die Schauen stiefmütterlich behandelt.

Geisler: Das kann sich ja in Zukunft ändern. Im täglichen Betrieb hab ich allerdings sehr wohl den Eindruck, dass hier ein breiter Designbegriff Thema ist. Es finden sich in vielen Ausstellungen oder Veranstaltungen die Grenzbereiche zwischen Kunst, Design und Architektur. Didaktisch betrachtet ist dieser Ort kein Designmuseum. Dieser Titel ist aber auch infrage zu stellen. Ist es nicht spannender, den Prozess in den Vordergrund zu stellen als das fertige Objekt?

DER STANDARD: Peter Noever ist auch Designer. Ist er ein guter Designer?

Geisler: Da halte ich es mit Victor Papanek, der sagte, 'Jeder Mensch ist ein Designer'. (Michael Hausenblas/Der Standard/rondo/18/02/2011)

  • Vier von Design-Kurator Thomas Geisler ausgesuchte Projekte sind für den renommierten "Brit Insurance Design Award" nominiert worden, darunter die "Tape Installation" vom Designbüro Numen / For Use. Hier ist die Krabbelstube beim Quer-Festival von Departure zu sehen. Am 28. Februar werden die Preise in den Kategorien vergeben, am 15. März der Hauptpreis. Präsentiert werden die Arbeiten bis 7. August im Londonder Design Museum (www.designmuseum.org).
    foto: hersteller

    Vier von Design-Kurator Thomas Geisler ausgesuchte Projekte sind für den renommierten "Brit Insurance Design Award" nominiert worden, darunter die "Tape Installation" vom Designbüro Numen / For Use. Hier ist die Krabbelstube beim Quer-Festival von Departure zu sehen. Am 28. Februar werden die Preise in den Kategorien vergeben, am 15. März der Hauptpreis. Präsentiert werden die Arbeiten bis 7. August im Londonder Design Museum (www.designmuseum.org).

  • Kurator Thomas Geisler
    foto: hersteller

    Kurator Thomas Geisler

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