Weniger Stress

14. November 2010, 17:16
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Perverse und abartige Seiten der Phytophilie: Von Ficus Benjamin bis Thujenhecke

Wenn man gelehrten Menschen Glauben schenken möchte, so gab es die Pflanzen lange vor uns Tieren auf dieser Welt. Wer jedoch meint, kein Tier zu sein, möge sich folgerichtig zu den Pilzen zählen; die stehen dann nämlich noch zur Auswahl. Wir Menschen wurden also geradezu in eine grüne Welt hineinentwickelt und mussten diese Bedingungen einfach einmal so akzeptieren lernen. Seit gut zwei Millionen Jahren sind wir als Homo, wenn auch noch lange nicht als sapiens sapiens, auf dem Planeten Erde unterwegs, bevorzugt über denn unter Wasser und ernähren uns von allem, was langsamer ist als wir selbst. Das sind in erster Linie die Grünpflanzen.

Ist viel Grün um uns herum, so der Schluss, geht es uns gut. Weil wir es gewöhnt sind, weil unsere Stammesgeschichte entsprechend ausgestaltet ist, weil Wasser in der Nähe ist, weil wir Sättigung, Labung, Entspannung und Schutz in den chlorophyllbegrünten Lebensformen finden. Phytophilie nennt man dieses Phänomen, das uns schneller gesunden, besser wohnen und auch, potzblitz, schneller und effektiver denken lässt. Die Verhaltensforscherin Elisabeth Oberzaucher konnte dies mit einer Studie zeigen, in welcher Führerscheinprüflinge einmal mit und einmal ohne Pflanzenflor vor ihren Fragenkatalog gesetzt wurden. Die mit Pflanzen um sich herum waren schneller und effektiver bei der Führerscheinprüfung. 

Mehr kognitive Kapazitäten

Schneller und effektiver denken - liegt vielleicht darin der Grund, dass Gärtner eher stille denn vorlaute Menschen sind? Liegt darin etwa die so gefürchtete Bauernschläue begründet? Oberzaucher fasst zusammen, dass Grünpflanzen uns den Stress nehmen, wodurch wir mehr kognitive Kapazitäten für andere Aufgaben hätten. Auf jeden Fall fällt auf, dass wir Menschen uns überall dort Grünflächen schaffen, wo wir uns niederlassen wollen. So gibt es Parkanlagen groß wie der Lainzer Tierpark, grüne Beserlparkflecken in grauen Schluchten, und die Stadt Wien erweitert regelmäßig die innerstädtischen Baumscheiben, umzäunt diese und gibt damit den Guerilla Gardeners die Möglichkeit, ihre Phytophilie zwischen Stoßstangen und Hundstrümmerln subversiv auszuleben. Sie setzen Blumenwiesen, Sonnenblumen und diverse Funkien in die Asphaltlücken, um ihrem Grüntrieb ein Ventil zu geben.

Aber wir einfachen Menschen gehen noch viel weiter: Wir werfen sogar den Toten Rosen hinterher, begrünen deren Ruhestätten und werden später einmal selbst, langsam vermodert, von gierigen Wurzelspitzen aufgesogen und damit zumindest teilweise zurück ans Licht gebracht. Phytophilie hat aber nicht nur diese schönen, sondern auch ihre perversen, abartigen Seiten. Diese äußern sich zum Beispiel in Form von Ficus-Benjamin-Töpfen in sämtlichen öffentlichen, überdachten Räumen Österreichs. Halb am Verdursten, erstickend am Staub und kahl vor Hunger nach Licht stehen sie in der Regel traurig, weil unbemerkt da. Nicht minder widerlich sind die kilometerlangen Thujenhecken, die das Land in kleine, uneinsehbare Kasteln stückeln; kleine Kasteln, in denen die Urheber dieser gärtnerischen Verbrechen offensichtlich gerne leben. Das sollten sie einmal messen, die Verhaltensbiologen, den ekelbedingten Stress unter dem Einfluss von Thujen - die würden sich wundern! Und umschreiben müssten sie wahrscheinlich ihre Lehrbücher auch, sorry. (Gregor Fauma/Der Standard/rondo/12/11/2010)

  • Nur gesunde Topfpflanzen machen gute Laune.
    foto: standard/regine hendrich

    Nur gesunde Topfpflanzen machen gute Laune.

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