Das Ende kommt in kleinen Happen

11. November 2010, 17:02
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Kommende Woche dürfte das Schicksal des Blauflossen-Thunfischs bei einer Konferenz in Paris endgültig entschieden werden - Severin Corti über einen Fisch, dessen Ende als Sushi und Sashimi leider so gut wie sicher scheint

Das Objekt der Debatte wird nicht auf dem Speiseplan des Mittagessens stehen, wenn sich die Internationale Kommission für die Erhaltung der Thunfischbestände im Atlantik (ICCAT) ab kommendem Mittwoch in Paris zusammensetzt, um das weitere Schicksal des Roten (oder Blauflossen-)Thunfischs zu diskutieren. Denn das wäre pietätlos. Und die Verhandler sind doch allesamt manierliche Herrschaften und hohe Beamte, die sich mit einem solchen Fauxpas niemals bekleckern würden.

Außerdem besteht tatsächlich eine Chance, dass die großen Fischereinationen ein wegweisendes Übereinkommen finden, nachdem dies bereits vergangenen Frühling möglich schien. Immerhin steht nichts Geringeres auf dem Spiel als die drohende Ausrottung eines der begehrtesten Speisefische weltweit. Nur - ob es dafür nicht eh zu spät ist, wird sich erst in Zukunft weisen. Denn der Blauflossler braucht Jahre, um geschlechtsreif zu werden und sich zu vermehren.

Möglicher Rettungsplan

Der WWF ist jedenfalls hoffnungsfroh, dass es mit der Griechin Maria Damanaki als EU-Fischereikommissarin endlich einen wirklich entschlossenen Charakter am Schalthebel der Macht gibt: "Kommissarin Damaki hat einen möglichen Rettungsplan für den Roten Thunfisch ausgearbeitet, der auf wissenschaftlichen Daten basiert - nicht auf politischen Wunschvorstellungen und kurzfristigen Wirtschaftsinteressen", sagt Tony Long, Direktor des WWF-Büros für Europapolitik in Brüssel.

Der Fisch mit der Torpedoform und der unter seinesgleichen einzigartigen Gabe, die Körpertemperatur um mehrere Grad zu erhöhen, weshalb er auch in subarktischen Gewässern mit Geschwindigkeiten von bis zu 65 Kilometern pro Stunde durchs Meer pflügen kann, ist ein Opfer seiner Muskeln. Sie bieten schlicht unvergleichlichen, zarten und doch fleischigen Genuss. Der Schmelz seines Filets und, erst recht, des begehrten Bauchlappens (japanisch "otoro") ist unerreicht. Deshalb gilt das Fleisch des "hon maguro" (des "wahren Thunfischs") den Japanern als feinstes aller Sushi. Deshalb sind sie bereit, Spitzenpreise von bis zu 200.000 Dollar pro Fisch zu bezahlen.

Wobei: Das war einmal. Voll ausgewachsene Blauflossen-Thunfische mit einem Gewicht von 600 bis 700 Kilo, die auf dem Tokioter Fischmarkt Tsukiji solche Preise zu erzielen vermochten, werden heute so gut wie gar nicht mehr aus den Ozeanen geholt - weil es sie nicht mehr gibt. Dennoch explodieren freilich die Preise. Anfang des Jahres zahlten zwei Händler in Tsukiji 122.000 Euro für einen Fisch von gerade einmal 230 Kilo - heutzutage bereits ein Prachtexemplar. Der Grund dafür liegt in modernen Ringwadennetzen (siehe Bild rechts oben), wie sie seit Jahren für die Thunfischjagd verwendet werden: Mit diesen zwei Kilometer langen Netzen, die von der Wasseroberfläche bis zu 250 Meter tief hinabhängen, werden ganze Fischschwärme eingekreist, bis sie sich ringförmig schließen und von unten zuziehen. Da entkommt kein Fisch mehr. Laut Experten der Generaldirektion Fischerei der EU ist die Population des Roten Thunfischs im Nordostatlantik seit 1950 um 85 Prozent geschrumpft. Der WWF warnt, dass die Art unmittelbar vor der Ausrottung stehe - bereits 2012, so die Prognose, sei damit zu rechnen.

Jahrhundertelange Tradition

Jungtiere, die noch zu klein und mager für den Verkauf sind, werden noch im Wasser aussortiert und in mächtige Käfige transferiert, um in den Monaten nach dem Fang auf hoher See mit Tonnen an Fischmehl auf Marktgewicht gemästet zu werden. Das ist, so viel nur nebenbei, ein besonders verschwenderischer Umgang mit Ressourcen: Pro Kilo verkauftes Thunfischfleisch müssen bis zu 20 Kilo Fischmehl verfüttert werden, Fischmehl, das aus ebenfalls überfischten Beständen von Sardellen oder Makrelen gewonnen werden muss.

Zwar hat der Genuss von rohem Fisch in Japan jahrhundertelange Tradition - die Lust auf Thunfisch-Sushi aber ist vergleichsweise sehr jung. Wie in anderen Ländern Asiens galt sein rotes Fleisch nämlich die längste Zeit als minderwertig. Einzig weißfleischige Fische kamen ursprünglich für Sushi infrage: "Thunfisch, der nicht durchgehend gekühlt wird, verdirbt sehr schnell", erklärt der Tokioter Sushi-Historiker Michiyo Murata, "in den Jahrhunderten vor der Einführung des Kühlschranks hat die japanische Aristokratie ihn deshalb als minderwertig verachtet". Außerdem, so Murata, wurde sein explizit fleischiger, "blutiger" Geschmack ursprünglich als wenig vornehm geringgeschätzt. Bis Anfang des 20. Jahrhunderts wurde Thunfisch deshalb als "shibi" bezeichnet, was sich mit "vier Tage" übersetzen lässt: Um den Blutgeschmack zu mindern, wurden die Fische vor der Filetierung für vier Tage eingegraben. Erst ab den 1930er-Jahren gehörte Thunfisch zu den für Sushi allgemein akzeptierten Fischarten. Das japanische Argument, dass mit einem Fangverbot für Blauflossen-Thun eine uralte Tradition gefährdet würde, kann also nur sehr eingeschränkt gelten.

So argumentieren auch jene Tierschützer, die eine Aufnahme des Roten Thunfischs auf die Verbotsliste des Washingtoner Artenschutzabkommens CITES fordern, womit der Thunnus thynnus unter denselben strengen Schutz gestellt würde wie etwa Elefanten, Tiger oder Blauwale. Das würde freilich ein absolutes Fangverbot nach sich ziehen - und zwar für immer. EU-Fischereikommissarin Damanaki wollte das - nachdem das Fürstentum Monaco mit dem Vorschlag vorgeprescht war - schon vergangenen Sommer durchziehen, scheiterte damals aber nicht zuletzt an Frankreich.

An Strategien gefeilt

Die Franzosen argumentierten, dass die traditionelle Leinenfischerei in Küstennähe, die gerade im Mittelmeer jahrhundertelange Tradition hat, für die Gefährdung der Bestände nichts könne (weil hier per definitionem nur wenige Exemplare eines Schwarms herausgeholt werden können), mit einem Verbot folglich ungebührlich bestraft und in den Ruin getrieben werde. Das mag für sich genommen richtig sein, nur: Den Blauflossler wird man mit solchen Argumenten nicht retten, die handwerklich arbeitenden Fischer ebenso wenig.

Anderswo wird freilich schon an Strategien gefeilt, wie sich auch ein Verbot der Thunfisch-Fischerei geschäftlich nutzen ließe - mit durchaus spannenden Resultaten: An der Küste von Big Island (Hawaii) hat der Meeresbiologe Neil Anthony Sims schon vor Jahren begonnen, Bernstein-Makrelen (Seriola rivoliana) zu züchten. "Dieser tropische Fisch hat ein außergewöhnlich wohlschmeckendes, fettreiches Fleisch, das es in Konsistenz und Geschmack jederzeit mit Tuna aufnehmen kann", erklärt Sims. "Er wurde bislang aber kaum kommerziell befischt, weil er sich in freier Wildbahn unter anderem von bestimmten Korallenarten ernährt, die für den Menschen giftig sind." In der Zucht wird diese Gefahr aber ausgeschlossen. Dazu kommt, dass Bernsteinmakrelen besonders effiziente Futterverwerter sind: Während Rote Thunfische in der Mast, wie erwähnt, bis zu 20 Kilo Futter je Kilo Verkaufsgewicht verdrücken, liegt die Relation bei Kona Kampachi (so der japanische Name, unter dem er vermarktet wird) bei gerade einmal zwei Kilo Futter je Kilo Fisch. In den USA wird die Bernstein-Makrele bereits erfolgreich kommerzialisiert und, dem Vernehmen nach, auch auf dem Tisch von Präsident Obama als "Sustainable Sushi Fish" serviert. (Severin Corti/Der Standard/rondo/12/11/2010)

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    Zu köstlich, um zu leben: Der Rote Thunfisch ist einer der teuersten Speisefische der Welt, was seine Gefährdung so akut macht. Mit modernen Ringwadennetzen werden ganze Schwärme auf einen Sitz weggefischt.

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